23.08.2008 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Die Patina bleibt

von Susanne WolkeProfil

Wenn Herz und Mund sich laben, muss die Nase auch was haben." Als Wilhelm Busch dies zu bedenken gab, hatte er wohl den Schnupftabak im Sinn. Der "Schmalzlerfranzl" jedenfalls, der seiner Nase gerade diese Wohltat zuführt, würde ohne weiteres als Gefährte des Humoristen durchgehen. Der schnupfende Bayer war einst das Markenzeichen einer alteingesessenen Regensburger Institution: der Schnupftabakfabrik.

Fast 200 Jahre lang wurde mitten in der Regensburger Altstadt Schnupftabak produziert. Von 1812, als die Firma Gebrüder Bernard A.G. dem Fürsten von Thurn und Taxis zunächst das "Zanthaus" und später dann das "Ingolstetterhaus" abkaufte, bis 1999.

Dass es sich bei dem 16 000 Quadratmeter großen Gebäudekomplex um zwei Patrizierburgen aus dem 12. und 13. Jahrhundert handelte, störte damals niemanden. Schon vom Hause Thurn und Taxis war der ehemalige Sitz des venezianischen Gesandten gewerblich genutzt worden - als Zentrale der fahrenden Post. Fast zehn Jahre nach ihrer Stilllegung wird die ehemalige Schnupftabakfabrik nun neu genutzt. Sie beherbergt Wohnungen, Geschäfte, Cafés - und das unlängst eröffnete "document Schnupftabakfabrik".
Das sind drei Räume der ehemaligen Fabrik, die wieder in ihren Originalzustand gebracht wurden. Kanister mit der Beschriftung "Naseweis" - übrigens einer der drei tabakfreien Schnupftabaksorten - finden sich hier ebenso wie die Stuckdecken der ehemaligen Festsäle, die heute von durchgesickerter Tabaksoße braun gefleckt sind. "Wir wollten den Räumen keinen zu starken musealen Charakter verleihen", erklärt Dr. Martin Angerer, Leiter der Museen der Stadt Regensburg.

"Den größten Schmutz haben wir beiseite geräumt, aber ansonsten haben wir eine gewisse Patina beibehalten." Ohnehin habe die Firma Bernard die altehrwürdigen Räume stets behutsam behandelt. "Man ist sehr sorgfältig mit dem Gebäude umgegangen", betont Angerer. "Es gab keine rabiaten, zerstörerischen Eingriffe." Den Besuchern zugänglich ist heute unter anderem die "Alchimistenküche". Hier wurde der Schnupftabak gemischt, bevor er in den Verkaufsraum nebenan weitergereicht wurde. In einem deckenhohen Holzschrank befinden sich immer noch Gläser mit Aromen. Daneben liegen getrocknete Tabakblätter. Sie wurden einst in Rinderhäute eingenäht, bevor sie ihren weiten Weg von Brasilien, Indonesien oder Nordamerika nach Regensburg antraten. Eigentlich muss es in der Regensburger Schnupftabakfabrik relativ gesittet zugegangen sein. Dafür sorgten die Firmeninhaber, die auch das kleinste Detail regelten.

Spucken verboten!

"Das Ausspucken auf den Boden ist strengstens untersagt", verkündet ein altes Schild. Ein anderes belehrt über den Sinn der hygienischen Verordnungen: "Uns allen gehört dies schöne Haus, drum jagt die Unsauberkeit heraus!", steht da. Zur allgemeinen Freude trugen wohl auch die stets fortschrittlichen sozialen Einstellungen der Firmeninhaber bei.

"Die Gebrüder Bernard A.G. stellte für ihre Mitarbeiter günstige Wohnungen bereit", erzählt Dr. Angerer. "Außerdem gehörten sie zu den ersten, die die Sozialversicherung eingerichtet haben." Zehn Stunden Arbeit täglich waren lange Zeit aber dennoch normal. Alte Fotos vermitteln ein Bild von damals, als die Arbeiter zwischen den raumhohen Bottichen, in denen der Tabak gärte, bei der Arbeit waren. Auch viele Frauen gehörten zu den Beschäftigten der Regensburger Schnupftabakfabrik, die vor dem Zweiten Weltkrieg mit 350 Angestellten die größte ihrer Art in Deutschland war. Um 1900 stellten Frauen sogar mehr als die Hälfte der Belegschaft. Zu ihren Aufgaben gehörte Blätter zupfen oder Tabak verpacken.
In Sinzing wird übrigens nach wie vor Schnupftabak hergestellt. Dort war auch der erste Sitz der Brüder Bernard A.G., als diese zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Offenbach nach Regensburg kam. Vor allem Thailand ist heute ein Abnehmer von Sinzinger Schnupftabak mit Pflaumenaroma. Das "document Schnupftabakfabrik" in der Gesandtenstraße 3 in Regensburg ist nur mit Führungen zugänglich. Führungen für Gruppen nach Anmeldung unter Telefon 0941/5073442 oder museumsfuehrun gen@regensburg de.

Weitere Informationen im Internet:

www.regensburg.de/museumsportal

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