23.12.2013 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Dramatische Rettungsaktion von 1967 hat sich tief ins Gedächtnis der Betroffenen eingebrannt - ... Kurz vor Weihnachten fast im Wald erfroren

Wenige Tage vor dem Heiligen Abend, genauer gesagt am Donnerstag, dem 21. Dezember 1967, versetzte eine Nachricht zwei Familien in Thanhausen und mit ihnen das ganze Dorf in Angst und Schrecken. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich an diesem kalten Winterabend die Erkenntnis, dass zwei Buben vermisst werden.

Als Edgar Beer (links) und Dr. Lothar Hültner die alten Zeitungsberichte von 1967 gelesen haben, lief es ihnen eiskalt den Buckel herunter. Heute wissen sie, dass sie damals nur knapp dem Tod entkommen sind. Bild: bir
von Autor BIRProfil

Schnell wusste man auch, dass es sich um den 15-jährigen Lothar Hültner und den 13-jährigen Edgar Beer handelte. Die beiden waren zum Skifahren aufgebrochen und hatten sich hoffnungslos im Wald verirrt. Dieses Ereignis, das beinahe als Tragödie endete, können und wollen die beiden Betroffenen auch nach fast 50 Jahren nicht so einfach aus ihrer Erinnerung streichen.

Immer dusterer

Schon im vergangenen Jahr kamen der Verfasser dieser Zeilen und Lothar Hültner, besser bekannt unter dem Buchstabenkürzel "Lü", auf lang zurückliegende Jugendzeiten zu sprechen, auch auf die dramatische Suchaktion. Als "Lü" vor kurzem wieder einmal einen Abstecher von seinem Hauptwohnort München in sein Heimatdorf machte, bot sich die Gelegenheit, mit ihm und Edgar Beer ein Gespräch zu führen über dieses Erlebnis. Lothar Hültner erinnert sich genau an den 21. Dezember. Zuhause wurden im Waschhaus Gänse geschlachtet: "Da warn's froh, wenn man niat dabei wor." Also hat er seinen Freund Edgar, der gleich nebenan wohnte, gefragt, ob er nicht mit Ski fährt. Gesagt, getan! Es hat schon leicht geschneit, als sie gegen 15 Uhr aufbrechen. "Richtung Bühlhaus und dann Richtung ,Bomoa' sind wir gegangen, da war ein schöner Rang zum Skifahren", erklärt Edgar Beer. Und da toben sie sich eine Zeitlang aus. Aber so langsam wird es duster. "Jetzt müssen wir schau'n, dass wir nach Hause kommen, bevor es noch finsterer wird. Ich weiß eine Abkürzung", meint der Lothar. Den Weg hat er immer im Sommer genommen, wenn er in dieser Waldgegend unterwegs war.

Im Kreis herumgeirrt

Doch jetzt ist der Weg verschneit und nicht gut zu erkennen. Die Buben geraten immer weiter in den Wald hinein. Immer finsterer wird es. "Und amal hom wir zwischendurch auch Lichter g'sehn", erinnert sich Edgar. Aber sie wussten nicht, ob die aus Richtung Bärnau oder Altglashütte kommen. "Wir hatten keine Orientierung mehr!" Inzwischen ist es auch empfindlich kalt geworden. Doch die Buben versuchen, immer weiter zu gehen - bis sie schließlich feststellen müssen, dass sie ein paar Mal im Kreis gegangen sind und ihre eigenen Spuren wiederfinden. Stundenlang irren die beiden nun schon im Wald umher. Edgar: "Einmal war ich kurz vor dem Limit, ich hab koa Luft mehr gekriegt, hab mir den Anorak aufgriss'n, dass ich wieder durchatmen konnte."

Lager aus Fichtenzweigen

Aber Angst, so sagen beide heute, haben sie eigentlich nicht gehabt. Trotzdem sind sie nach dem stundenlangen Herumirren körperlich erschöpft, haben Hunger und vor allem Durst, kein Zeitgefühl mehr und keine Uhr dabei. Es gibt nur eine Möglichkeit: "Wir müssen warten, bis es wieder hell wird, dann müssen wir doch wieder raus finden aus dem Wald!" Und so machen sich die Freunde aus Fichtenzweigen ein Lager und setzten sich endlich nieder.
"Der Edgar wollte nur noch schlafen. Ich hab ihn immer wieder geschüttelt und aufgeweckt", berichtet Lothar. Der Ältere wusste, dass man in dieser Kälte nicht einschlafen darf - das wäre der sichere Tod gewesen. Zwischendurch sehen sie am Nachthimmel auch Leuchtkugeln. Und da ist ihnen klar, dass man nach ihnen sucht. Später hören sie auch Stimmen gehört, die nach ihnen rufen.

Was sie natürlich nicht wissen konnten: Als die beiden Buben am Abend noch nicht zu Hause waren, suchten die Eltern überall im Dorf vergebens nach ihren Kindern. Der Vater von Edgar fuhr sogar auf die Altglashütte und Silberhütte. Dann wurde die Grenzpolizeistation Bärnau verständigt, die sofort eine Suchaktion einleitete. Daran beteiligten sich neben der männlichen Bevölkerung von Thanhausen, sogar der alte "Murrer" war dabei, auch Beamte des Zollkommissariats Bärnau.

Insgesamt sind es wohl an die 50 Personen, verstärkt von Zoll- und Polizeidiensthunden, die sich gegen 22 Uhr auf die Suche nach den zwei Buben machen. Das Gebiet zwischen Altglashütte, Hohenthan, Naab und Thanhausen, zu 90 Prozent Wald, wird systematisch von Skistreifen mit Taschenlampenlicht und Fußgängern durchsucht. Dabei leisten sie sehr viel, denn der Schnee liegt über einen halben Meter hoch. Die Suche ist noch erschwert, weil viele Wege durch den Schneebruch der vergangenen Tage mit abgebrochenen Baumspitzen versperrt sind.

Zittern vor Kälte

Gegen Mitternacht will ein Teil der ermüdeten Teilnehmer die Suchaktion abbrechen, um sie am Morgen wieder aufzunehmen. Aber die Väter der Vermissten und ein paar andere Männer geben nicht auf. Sie kämpfen sich weiter durch den Schnee und finden endlich gegen 2 Uhr früh die richtige Spur. Mitten in der Waldabteilung "Buchberg", unweit der tschechoslowakischen Grenze, stoßen sie gegen 3 Uhr auf die beiden Buben. Sie kauern in einem Gebüsch und zittern vor Kälte. Der erfolgreiche Suchtrupp setzt sich zusammen aus Franz Beer, Norbert Falk, August Heldwein und Hugo Hecht .

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