12.01.2008 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Exkursionen in Steinbruch

von Susanne WolkeProfil

Der tut nichts." Begegnungen mit Hunden in Größe eines Kalbes sind nicht immer für beide Seiten gleich beglückend. Auch dann nicht, wenn der Besitzer des Rabauken versichert: "Der will nur spielen." Beruhigender klingt da Daniela Rachuls Charakterisierung ihres etwa zwei Meter langen Riesentausendfüßlers "Arthropleura". "Das ist ein friedfertiger Allesfresser", sagt sie. Und vor allem: "Nie mehr im Laufe der Geschichte haben Insekten und Gliederfüßler solche Dimensionen erreicht."

Passanten in der Regensburger Innenstadt können aufatmen: Der Arthropleura lebte vor 299 bis 416 Millionen Jahren. Und was Daniela Rachul in einem Schauraum der Kalmünzergasse 3 präsentiert, ist kein lebendiges Exemplar. Es handelt sich um eine Reproduktion. Entstanden ist sie gleich einen Raum weiter im selben Gebäude: in Europas einzigem Dinoraeum. Seit rund einem Jahr betreibt Daniela Rachul diese ungewöhnliche Institution gemeinsam mit zwei anderen staatlich geprüften geowissenschaftlichen Präparatoren.
Dinosaurier und Urzeittiere sind in. "Manche Kinder können die Namen von bestimmten Sauriern noch vor ihrem eigenen schreiben", weiß Daniela Rachul. Sie selbst erliegt der Faszination an der Urwelt seit ihrer Kindheit. Und sie hat ihr Hobby zum Beruf gemacht. Mit Leidenschaft, Mut und Kreativität. Denn geowissenschaftliche Präparatoren haben es nicht leicht auf dem Arbeitsmarkt, selbst wenn sie staatlich geprüft sind.

"Die Jobs sind rar gesät", sagt Rachuls Kollege Aranja Brix über den Beruf, der neben Fossilpräparation auch Gesteinsaufbearbeitung umfasst. Der junge Mann wurde also selbst tätig. Er gründete das Regensburger Dinoraeum - gemeinsam mit Daniela Rachul und Herbert Voß, Studienkollegen aus der Höheren Berufsfachschule für präparationstechnische Assistenten in Bochum.

Mit ihrer Idee haben die jungen Urzeitfans nicht nur sich selbst eine Freude gemacht. Auch Freizeitpaläontologen aus der ganzen Umgebung nutzen das Angebot der privaten Einrichtung, die vom Prinzip her ähnliche Arbeit leistet wie große Museen: Neben einer Dauerausstellung über Fossilien gibt es einen Shop und Aktionen wie etwa Exkursionen in Steinbrüche.
Schwerpunkt des Dinoraeums sind aber die Präparationswerkstätten. Und hier liegt auch gleichzeitig die Besonderheit der Regensburger Institution: "Bei uns kann man jederzeit zuschauen", hebt Brix hervor. Der junge Mann betritt einen hellen Raum mit breiter Fensterfront. In Regalen und auf Tischen liegen Nautilusschnecken, Ammoniten und andere Fossilien. Teils in ihrer ganzen Form herausgearbeitet, teils noch fast im Stein verborgen. "Wir zeigen den Leuten, dass man nicht gleich seinen Saurier hat, wenn man ein bisschen gräbt", erklärt Brix. "Als geowissenschaftlicher Präparator braucht man Geduld." Der Beweis dafür liegt in der Mitte des Raumes. "Puzzle" nennen Rachul und Brix die Steinbrocken, die hier nebeneinander geschichtet sind. Erst nach sorgfältiger Bearbeitung mit speziellen technischen Geräten wird sich der neun Meter lange Ichthyosaurier zeigen, der hier schlummert. Die Auftraggeber für solche Arbeiten sind Museen ebenso wie Privatpersonen.

Mehr als 3000 Besucher kann das Dinoraeum bisher verzeichnen. Etwa 50 Prozent davon sind Kinder. "Wir haben viele Schulen hier", sagt Brix. 4,5 Milliarden Jahre Erdgeschichte lassen sich nicht so einfach in ein paar Unterrichtsstunden packen. Das Dinoraeum tut sich da leichter. Mit faszinierenden Anschauungsmaterialien machen die Mitarbeiter den Stoff spannend.

Zahn und Schädel

Hier gibt es den Zahn eines Tyrannosaurus rex und den Schädel eines Europasaurus holgeri. Außerdem versteinerte Dinosauriereier - eines davon in der Mitte geteilt, so dass der Embryo darin sichtbar ist -, Dinosaurierfußstapfen - "die geben Auskunft über das Verhalten der Dinosaurier", so Daniela Rachul, Dinosaurierexkremente - "auch ein Saurier muss mal aufs Klo" - und andere versteinerte Urzeittiere und -pflanzen wie etwa Armfüßler oder einen Einhornhai.

Viele der gezeigten Stücke wurden von den Betreibern des Dinoraeums selbst geborgen. Zum Beispiel auf den Winzerer Höhen in Regensburg. "Das war in der Kreidezeit ein Küstenstreifen", erklärt Daniela Rachul. "Man findet hier Ammoniten, Krebsscheren und eine Vielfalt an Muscheln und Seeigeln."

Aranja Brix kann die Paläontologie als Freizeitbeschäftigung nur empfehlen. Die Vorteile liegen auf der Hand: "Man ist körperlich gefordert und hält sich viel im Freien auf. Die Arbeit im Steinbruch ist besser als jegliche Sportart." Und man kann eine gute Tat vollbringen. "Die Bauern sind froh, wenn die Steine von den Feldern weggeräumt werden", sagt Daniela Rachul. "Man sollte aber darauf achten, dass man nicht in bepflanzte Felder geht", beeilt sie sich hinzuzufügen. Am besten untersuche man also die Steine, die die Landwirte ohnehin schon an den Feldrand geschafft haben.
Wer selber keinen Dinosaurierembryo findet, kann stattdessen eine Patenschaft dafür übernehmen. Bei manchen Exponaten des Dinoraeums handelt es sich nämlich um Leihgaben. "Durch Patenschaften kann man diese herausragenden Stücke hier behalten", erklärt Aranja Brix.

Auch wechselnde Sonderausstellungen gehören zum Programm des Dinoraeums. Die derzeitige Schau zeigt Rieseninsekten. Riesengliederfüßler, um genau zu sein. Deren große Zeit war das Karbon. In den Sumpfwäldern voller Farngewächse, die sich während dieser Periode der Erdgeschichte auch über große Teile Deutschlands erstreckten - die Steinkohlevorkommen im Ruhrgebiet zeugen noch heute davon - entwickelten sich die Insekten in der Tat zur wahren Riesen. Grund dafür war der hohe Sauerstoffgehalt der Luft.

Die ein bis drei Meter großen Modelle, die das Dinoraeum momentan zeigt, entsprechen durchaus der Realität. Nicht umsonst befand sich der Riesenskorpion lange Zeit an der Spitze der Nahrungskette. Heute ist dieser Räuber ausgestorben. Ebenso wie sein friedfertiger Zeitgenosse, der Riesentausendfüßler.

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