30.08.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Familie aus Syrien flieht vor dem Bürgerkrieg in einem zerschundenen Land - Herzliche Aufnahme ... Bombensplitter als Kinderspielzeug

Lama (29) zeigt die Bilder auf ihrem Handy. Ihr Töchterchen Rayan (3) in einem Prinzessinen-Kleid. Die Kleine strahlt. Erinnerungen an eine glückliche Zeit. An damals, als die fünfköpfige Familie noch in Syrien lebte, bevor sie über Ägypten nach Libyen und von dort aus nach Europa floh. Ahmed ist mit seinen zwölf Jahren der Älteste der drei Kinder von Lama und Mohamad (42). Er klickt die Kartenfunktion im Handy an - inmitten des Meeres ein kleiner, hellbrauner Punkt. "Lampedusa", sagt er und deutet auf die Insel im Mittelmeer. Für Menschen wie Ahmeds Familie ist Lampedusa das Tor zu Europa, zu einer Zukunft ohne Bomben.

Spiel ohne Grenzen: Beim Fußball spielen Nationalität und Herkunft keine Rolle, was die gemischte bayerisch-syrische Mannschaft mit Jakob, Ihab, Ahmed und Luisa (von links) beim Kicken in der Siedlung beweist.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Mohamad betrieb in Syrien eine Boutique für Kinderbekleidung, wohnte mit seiner Familie in Idlib, einer Stadt im Nordwesten des Landes und 20 Kilometer von der Grenze zur Türkei entfernt. Jetzt lebt die Familie in Freudenberg, tausende Kilometer fern der Heimat. Seitdem können die Kinder wieder schlafen, erzählen die Eltern. Lama scrollt weiter auf ihrem Handy. Ein weiteres Foto zeigt sie vollverschleiert in Libyen - eine reine Vorsichtsmaßnahme auf der Flucht. "Da sind viele Frauen verschleppt worden", berichtet ihr Mann mit Hilfe einer jungen Jordanierin, die aus dem Arabischen ins Deutsche übersetzt. Die Eheleute erzählen vom Krieg in Syrien. Sehr nah seien die Kämpfe gewesen, sie hätten alles ganz direkt miterlebt.

Nach den Bombardierungen und den Erschießungen seien Ahmed und sein neun Jahre alter Bruder Ihab nach draußen gerannt und hätten kleine Bombensplitter ins Haus geholt - Alltag in Syrien, wo der Krieg längst zur Normalität geworden ist. Nachts hätten Alpträume die drei Kinder geplagt, vor allem die dreijährige Rayan und den neunjährigen Ihab. "Die zwei Kleinen hatten sehr viel Angst", sagt ihre Mutter. "Sie konnten nicht mehr schlafen." So richtig sicher gefühlt habe sich die Familie erst, als sie in Deutschland angekommen sei - vorher weder in Ägypten noch in Libyen, den Stationen auf der Flucht.

Sorge um die Familien

In Sorge sind die Eheleute trotzdem, schließlich sind ihre Familien noch alle im Bürgerkriegs-Land. Wessam (30) und Adnan (29) nicken, die beiden Männer kennen dieses Gefühl der Angst nur zu gut. Auch sie leben inzwischen in Freudenberg, auch sie haben noch Angehörige in Syrien. Wessam sollte zur Armee eingezogen werden, als er sich versteckte, von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt bis zum Libanon, von dort weiter über die Türkei bis nach Deutschland. Auch Adnan wählte für seine Flucht aus dem geschundenen Land den Weg über den Libanon. Wessams Angehörige sind ebenfalls geflohen, nach Saudi-Arabien, Kuwait, Ägypten und in den Libanon. Nur ein Bruder lebt noch in Syrien. Um ihn macht er sich große Sorgen. "Ich weiß nicht, ob er überlebt", sagt er. "Er hat Glück, in einer Stadt zu sein, in der er noch Essen und Trinken hat." Die Lebensmittel seien zwar teuerer geworden, aber es gebe sie noch. Das ist die Hauptsache.

In Freudenberg fühlen sich die Flüchtlinge wohl. "Wir sind glücklich", sagt Mohamad, und alle anderen nicken zustimmend. "Die Menschen sind sehr nett, herzlich und hilfsbereit." Einziges Problem sei, dass sie die Sprache ihres Gastlandes kaum sprechen und verstehen, gesteht Wessam. Ahmed und Ihab grinsen. Für sie ist das kein Problem, sie spielen mit Freudenberger Jungs und Mädels längst Fußball - Integration ohne viele Worte. Sie sind froh, schon ganz viele Freunde gefunden zu haben. Und dass sie sich freuen, weil momentan Ferien sind, ist eh klar. Sie gehen ins Freibad, kicken auf dem Fußballplatz, schauen Kika im Fernsehen und nehmen am Ferienprogramm teil. Nur manchmal, da kommen die Bilder aus Syrien wieder hoch, der Krieg hat sich eingebrannt in ihren Köpfen.

Hoffnung auf Rückkehr

Mohamads Familie ist überglücklich, vor wenigen Tagen hat sie einen Aufenthaltstitel für drei Jahre in Deutschland bekommen, genauso wie ein weiterer Mann aus dem Haus in Freudenberg, in dem die Flüchtlinge aus Syrien (sechs Männer und die Familie mit drei Kindern) wohnen. Für seine Familie wünscht sich Mohamad, dass sie in Sicherheit leben kann, die Kinder eine Zukunft haben. Der 42-Jährige aus Idlib hofft, dass Syrien zur Ruhe kommen wird und die Familie in ihr Land reisen kann - auf Besuch. Für seine Ehefrau Lama ist es immer noch unvorstellbar, nicht mehr in Syrien leben zu können. "Das ist unsere Heimat", sagt sie, "Deutschland ist nicht unser eigenes Land, sondern unser zweites." Die Hoffnung, dass sie eines Tages zurückkehren können, hat die 29-Jährige noch nicht aufgegeben.

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