12.03.2005 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Helmut Newtons Arbeiten für Villeroy & Boch im Industriemuseum für Porzellan Hommage an einen Provokateur

Die Fotos in Schwarzweiß, harte Schatten. Kühl und distanziert dreinblickende Models an und auf Toiletten und Waschbecken. Bilder von Helmut Newton, einem Meister der Provokation. Und auch heute (knapp 20 Jahre nach ihrer ersten Veröffentlichung) wirkt so manche Newtonsche Komposition für einige anstößig, fordert zum Widerspruch heraus.

von Harald Dietz Kontakt Profil

Villeroy & Boch gewann 1986 Helmut Newton, einen der teuersten, besten, aber auch umstrittensten Fotografen für eine Werbekampagne, um hauptsächlich Badkultur auf bis dahin unbekannte Weise in Szene zu setzen. Künstlerisch interessant, auf alle Fälle aber spektakulär. Was heutzutage eher akzeptiert ist, rein von der Ästhetik her betrachtet wird, ließ vor nicht ganz zwei Jahrzehnten Emotionen hoch kochen. Das Europäische Industriemuseum für Porzellan bewies Mut und holte die Ausstellung des Keramikmuseums Mettlach (Titel: "Der Zeit voraus"), eine Dokumentation der Zusammenarbeit von Starfotograf Helmut Newton und Villeroy & Boch, nach Selb-Plößberg. Eröffnet wurde die Schau vor wenigen Tagen bei der Selber Kunstnacht. Das Publikum reagierte begeistert, aber auch kritische Zwischentöne waren zu hören.

Fern jeglicher Romantik

Die Hommage an einen Provokateur bewegt, zwingt zur Auseinandersetzung. Einige der Betrachter werden die in Selb gezeigten Bilder als sexistisch brandmarken. Denn Helmut Newton besticht und konfrontiert mit Bildern, denen jegliche Romantik fern ist. Seine Fotos vermitteln nicht selten Härte und Kälte. Newton ("Ich liebe die Mädels!") erreicht so, dass die Portraitierten nicht zu Objekten für gierige Blicke werden. Er zeigt starke und selbstbewusste Frauen mit einer erotischen Ausstrahlung, die Voyeuren keine Chance lässt. Wendelin von Boch, Vorstandsvorsitzender der Villeroy & Boch AG, war persönlich zur Ausstellungseröffnung nach Selb-Plößberg angereist und führte in die Schau ein. "Die Villeroy & Boch-Kampagne wurde zu einem außerordentlichen Wagnis", so Wendelin von Boch vor einem großen interessierten Publikum, "für einige eine Zumutung, für viele Jüngere, Liberale aber das Zeichen einer Aufbruchstimmung, die Villeroy & Boch heranführen könnte an eine aufgeschlossene Kommunikation, die den Muff der 70er Jahre beenden sollte".

Feindbild

Der Vorstandsvorsitzende nannte Helmut Newton einen "Meister der guten Inszenierung". "Er polarisierte durch seine reale Bildsprache und die eindrucksvollen Frauenfiguren. Er wurde aber auch zum Feindbild der feministischen Frauenbewegung. Alice Schwarzer prozessierte gegen Newton." In den Bildern für Villeroy & Boch lässt Newton Models in High-Heels Toiletten besteigen oder eine andere Schönheit "darf" im "knappen Schwarzen" die Abflussverkleidung eines Waschbeckens zwischen die Beine nehmen. In der in Selb-Plößberg aufgebauten Präsentation sind alle Arbeiten Newtons für Villeroy & Boch zu sehen - auch einige, die in der "Werbekampagne des Jahres 1986" ausgespart blieben, weil sie vielleicht (damals) zu anstößig oder provozierend waren.

Filmsequenzen

Ergänzt wird die Ausstellung durch Filmsequenzen, die Newton bei der Arbeit mit Models und Schauspielerinnen zeigen, und die Kamera, mit der er zwischen 1979 und 1981 die Fotos für "Big Nudes" machte.

"Sex sells", die Bilder Newtons eine Zumutung? Die Antwort muss jeder selbst finden. Gelegenheit dazu ist bis 11. September 2005 im Europäischen Industriemuseum für Porzellan. Einen Satz Newtons darf man als Einladung dazu verstehen: "Wenn ich Fotos mache, dann nicht für die Schublade. Ich möchte, dass möglichst viele Leute sie sehen."

Für Sie empfohlen

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.