11.10.2008 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Herrlicher Aussichtspunkt

von Susanne WolkeProfil

Menschen kommen hier selten des Wegs. Dementsprechend empört zeigt sich der Eichelhäher, der eben bei der Futtersuche gestört wurde. Mit schepperndem Gekrächze fliegt er aus der dichten Hecke auf. Er ist an andere Nachbarn gewöhnt: an Wanderfalken, Biber oder Eisvögel. Sie alle haben ihr Revier entlang einer 230 Kilometer langen Strecke zwischen Kelheim, Regensburg, Schwandorf und Neumarkt, die nun zum "Qualitätswanderweg Jurasteig" erhoben wurde.

Auf dem neuen Rundwanderweg mit seinen zwölf Tagesetappen zeigt sich die Landschaft Niederbayerns und der Oberpfalz in ihrer ganzen Schönheit: Entlang der Höhenzüge, der Trockentäler und der Flüsse des Bayerischen Jura gibt es hier noch Tiere und Pflanzen, die sich anderorts schon längst rar machen. Am Wegesrand liegen außerdem geschichtsträchtige Orte wie das Kloster Pielenhofen, das Künstlerstädtchen Kallmünz oder die Asamkirche in Weltenburg.

Zwei Tagestouren hat der Wanderer schon hinter sich, wenn er in der halboffenen Hecken- und Wiesenlandschaft kurz nach Schönhofen das Gebiet des oben genannten Eichelhähers passiert. In Kelheim ist er aufgebrochen, hat womöglich einen Abstecher zur Befreiungshalle König Ludwigs I. eingelegt, und ist dann auf dem Goldberg in schattige Buchenwälder eingetaucht.

Im Kurpark von Bad Abbach hat er vielleicht Kaiser Karls V. gedacht, der bereits die dortigen Heilquellen zu nutzen wusste, und ist dann am nächsten Tag am Donauufer entlang in Richtung Naturschutzgebiet "Mattinger Hänge" aufgebrochen. Dessen imposante Felswände haben den Wanderer begleitet, bis er von einem herrlichen Aussichtspunkt aus einen letzten Blick auf die Donau werfen konnte und anschließend den Weg über Alling im Tal der Schwarzen Laber nach Schönhofen eingeschlagen hat.

Oder aber der Wanderer ist gerade erst aufgebrochen und hat nur eine Tagesetappe zum Ziel. Auch das ist möglich: Wer den Wanderweg Jurasteig begehen möchte, muss nicht die ganzen 230 Kilometer zurücklegen. Jede einzelne Tagesetappe ist ein Erlebnis für sich. Der dritte Streckenabschnitt zwischen Schönhofen und Pielenhofen etwa führt angenehm über sanfte Hügel - die Summe der Steigungen beläuft sich hier nur auf rund 355 Meter, während man bei den vorherigen Etappen 473 Meter, beziehungsweise 466 Meter bewältigen musste.
Rote Hagebutten und vereinzelte Heidelbeeren hängen an den Sträuchern der naturbelassenen Hecken, die hier vielen Vögeln Lebensraum bieten. Waldameisen gehen emsig ihrer Arbeit nach, und Weißlinge trinken vom Nektar der Gemeinen Wegwarte, die hier überall anzutreffen ist. Die ehemalige Räuberhöhle kurz nach Etterzhausen ist heute nur noch von Fledermäusen bewohnt - die empfindlichen Tiere dürfen aber weder durch Lärm noch durch Feuer gestört werden! - so dass der Wandersmann aller Wahrscheinlichkeit nach im vollen Besitz von Hab und Gut in Pielenhofen angelangt.

Vom Ufer der Naab aus eröffnet sich hier ein idyllischer Blick auf die Klostergebäude und die barocke Kirche mit den zwei Türmen. Die Füße im Wasser baumelnd, kann der Wanderer dort neue Kräfte tanken für die folgenden Etappen seiner Route.

Die führt ihn zunächst weiter über Waldpfade und durch schmetterlingsreiche Wiesen nach Kallmünz. Eine Burgruine, deren älteste Teile um das Jahr 900 errichtet wurden, erhebt sich über dem mittelalterlichen Ortsbild. Die malerische Lage des Örtchens wussten schon Wassily Kandinsky und Gabriele Münter zu schätzen. Die beiden Künstler verliebten sich dort während der Sommerfrische 1903 in die bayerische Landschaft - und außerdem ineinander.

Durch das Vilstal

Von Kallmünz aus geht es in der fünften Tagesetappe durchs Vilstal und nach Schmidmühlen. Anschließend warten die Tagestouren Schmidmühlen - Hohenburg, Hohenburg - Habsberg und Habsberg - Deining auf den Wanderer. Von Deining aus, wo die Felsenkeller zu besichtigen sind, die einst der Lagerung von Lebensmitteln, Bier und Eis dienten, geht es nach Holnstein und von dort aus nach Dietfurt an der Altmühl. Die längste (26,6 Kilometer) und steigungsreichste (704 Meter) Tagesetappe führt anschließend nach Riedenburg. Von dort aus geht es zurück nach Kelheim.

Diese letzte Tagesetappe gilt als eine der schönsten: Der Wanderer zieht durch das Altmühl- und das Donautal, er erhascht vom märchenhaften Felskomplex der Klamm aus einen Blick auf das Schloss Prunn. Und wenn er nach einem eventuellen Abstecher ins Kloster Weltenburg schließlich die Schiffsanlegestelle in Kelheim erreicht hat, dann fühlt sich jeder Naturliebhaber in der Ansicht bestätigt: Bayern ist schön.

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