30.08.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Ideen sind langweilig!

von Peter GeigerProfil

Was den Begriff "Grenze" anbelangt,da ist unsere Sprache reich an Bildern und assoziativen Verknüpfungen: Wem Schwieriges widerfährt, der gerät an seine Grenzen und was er erlebt und durchmacht, sind Grenzerfahrungen. Wer nicht mehr zu einer Gruppe dazugehört, wird ausgegrenzt und sein Verhalten wird als grenzwertig empfunden. Wer dagegen einen geistigen oder sportlichen Höhenflug erlebt, der erfährt den höchst beglückenden Zustand der Grenzenlosigkeit und kennt sie dementsprechend nicht mehr, seine Grenzen. Das Wort ist also tief verankert in unserem Alltagswortschatz und dient in vielerlei Weise der Beschreibung von Glückszuständen und deren Gegenteil.

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Insofern also ist die Idee, "der Grenze" ein künstlerisches Projekt zu widmen, nicht nur nahe liegend: Sie ist auch angesiedelt im Grenzbereich zwischen Wanderlust und Kunst, sportlicher Betätigung und kreativer Energie. Ja, Michl Gölling drängte sie sich förmlich auf. Als der schlaksige Wandersmann und Grafiker - im Hauptberuf ist er der "Spiritus Rector" der Künstlervereinigung der "Original Hersbrucker Bücherwerkstätte" - seinem guten Freund, dem Fürther Fotografen Christian Oberlander davon erzählte, dass er "seit Jahren schon" einen solchen Gedanken hege: Nämlich die Grenze vor seiner Haustür, die zwischen Mittelfranken und der Oberpfalz also, entlangzugehen und fotografisch zu dokumentieren, da antwortete dieser ganz schlicht: "Ideen sind langweilig! Machen!"

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Übertritt und Berührung

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Und so trafen sie sich fast eineinhalb Jahre lang immer wieder, um die knapp 40 Kilometer ("Zum Marathon wird's nur, wenn man auch die Höhenmeter dazuzählt!", fügt Michl Gölling ebenso heiter wie bedauernd an) zwischen Alfeld im Süden und Neuhaus im Norden etappenweise zu gehen: Im Frühjahr, wenn der Wald seinen Farbkasten öffnet und tausenderlei Schattierungen der Farbe Grün präsentiert. Im Sommer, wenn die Kuhherden wiederkäuend im Schatten liegen.

Im Herbst, wenn sich die Höhenzüge der mittleren Frankenalb (die übrigens fast vollständig in der Oberpfalz liegt!) in zarte Nebelschleier hüllen. Und schließlich im Winter, wenn streunende Katzen auf der Jagd nach Essbarem ihre Spuren im Schnee hinterlassen. Dann machten sich die beiden auf, meist sonntags, aber auch unter der Woche, hatten immer eine Grenzschranke und rotweißes Markierungsband dabei - um so einen der "Grenzübertritte" oder die "Grenzberührungen" zu dokumentieren.

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Verletzung oder Bratwurst

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"Natürlich ist das eine verschwommene Grenze", bekennt Michl Gölling gespielt schuldbewusst, wenn man ihn drauf anspricht, weshalb er denn etwas betont, was vielen Bewohnern dieser Grenzregion, die eigentlich gar keine ist, nunmehr zurück ins Bewusstsein ruft. Denn die Linie zwischen Mittelfranken und der Oberpfalz ist ja weder durch Markierungen und gottseidank auch nicht durch Stacheldraht oder Mauern gekennzeichnet. Trotzdem ist es eine geschichtsträchtige Grenze, die das Königreich Bayern vom Territorium der Reichsstadt Nürnberg trennte: Nicht nur einige wenige verwitterte Grenzsteine zeugen noch davon, auch der Landbevölkerung ist sie bis heute gegenwärtig. Und: Im Dialekt ist sie auch vorhanden.

Bei einem sommerlichen Spaziergang lernen Gölling und Oberlander auch die Frau Fischer aus Hofstetten kennen: Die rüstige Mittsiebzigern aus Hofstetten (Gemeinde Pommelsbrunn, also Mittelfranken) ist mit ihnen auf die Spitze der Burg Lichtenegg (Gemeinde Birgland, also Oberpfalz) hinaufmarschiert. Von dort genießen sie nicht nur zu dritt den Ausblick (das Enkerl, das Frau Fischer begleitet, starrt dagegen unentwegt auf den Bildschirm seines Smart-Phones), sondern sie erklärt auch dialektale Feinheiten: Dass in Thalheim oder in Heldmannsberg schon wieder ganz anders gesprochen werde! Naaf und noo. Affe und oiche.

Um beim Rückweg die beiden Wanderer noch mit einer unsterblichen Weisheit zu beglücken und sie zur Vorsicht anzuhalten: "Ä Elln houdmä äier wäi ä Broudwuaschd." Mit anderen Worten: Das Gelände hier sei heimtückisch, weshalb man sehr vorsichtig sein müsse. Denn eine Verletzung ziehe man sich schneller zu als man etwas zu essen bekomme.

Michl Gölling wollte mit seiner Idee der Grenzwanderung vor allem auf eines hinweisen: Dass die Gegend, die sich Mittelfranken und Oberpfälzer teilen, der Vorhof sei zum Paradies! "Ich hab' grad die Tagesschau gesehen: Da war kein einziger positiver Bericht dran, nur Mord und Totschlag in der Welt! Wenn ich dagegen ins Wirtshaus zum Bayerischen Johann gehe: Da kriegst Du ein Ripperl mit einem handgemachten Kloß und saufst a Sulzbacher Fuchsbeckweizen! Gibt's was Schöneres?"

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Perspektiven erweitern

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Das ist es, was Michl Gölling und Christian Oberlander mit ihrer unbedingt sehenswerten Ausstellung im Hirtenmuseum in Hersbruck auch gelingt: Auf die Qualität des Naheliegenden zu verweisen. Auf das Außergewöhnliche dessen, was sich vor unserer Haustür abspielt. Dass die Welt nicht nur in Südostasien oder im Gebiet nördlich des Yukon River erfahren werden kann. Sondern dass die Sensationen oft nur einen Steinwurf entfernt sind. Grenzen können eben auch die Augen öffnen. Und so unsere Perspektiven erweitern.

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