17.05.2013 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Josef Strasser bringt als letzter Marktdiener mündlich Nachrichten unter die Leute Mit der Glocke durch den Markt

Als letzter Marktdiener war Josef Strasser mit Glocke und Schirmmütze von 1939 bis 1952 in Luhe unterwegs und läutete Nachrichten aus. Fast vier Jahrzehnte hat auch Josefine Kick dieses Amt ausgeführt. Sie starb im Januar im Alter von 91 Jahren. Ebenso wie der jetzige Gemeindediener Johann Knorr war sie aber vor allem für die Zustellung von Einladungen und Bescheiden der Marktverwaltung zuständig.

1941 entstand diese Aufnahme von Josef Strasser, der mit Glocke und blauer Schirmmütze als letzter Marktdiener in Luhe Nachrichten in allen Straßen ausschellte. Repro: sef
von Autor SEFProfil

Im Zeitalter moderner Kommunikationstechnik wurde die althergebrachte Funktion der mündlich verbreiteten Bekanntmachung überflüssig, die einst als Nachrichtenquelle unentbehrlich war.

Wohnung im "Tripfhäusl"

Strasser, der vom 16. Januar 1877 bis 11. April 1955 lebte, bewohnte in der Kirchenstraße in Luhe ein sogenanntes Tripfhäusl, das seit 1697 urkundlich belegt ist und direkt an der mächtigen Kirchhofmauer klebte. Ein Tripfhäusl - auch Tropfhäusl genannt - war ein Anwesen ohne Grundbesitz. Der Boden, auf dem es stand, reichte nur bis zu den Wassertropfen, die von der Dachrinne (Traufe) auf die Erde fielen.

Die Veränderungen der Neuzeit auf sein Amt spürte auch schon Strasser. Im Gegensatz zu den Vorgängern wirkte er nur noch nebenamtlich und erhielt eine Mark als Tageslohn. Das reichte natürlich hinten und vorne nicht zum Leben. Deshalb arbeitete der gelernte Fassbinder, der sogar auf die Walz gegangen war, als Zimmerer und fertigte außerdem Holzpantoffeln, Rechen und Besen. Darüberhinaus sicherte er mit einer bescheidenen Viehhaltung das Überleben seiner Familie, darunter auch Tochter Maria List, die 2007 hochbetagt mit 91 Jahren starb.

6 Hühner als Jahresgehalt

1782 betrugen die Realeinnahmen des Marktes Luhe 223 Gulden. Ihnen gegenüber standen Ausgaben von 224 Gulden. Ein gewichtiger Posten war die Besoldung der Amtspersonen. Am meisten Geld, nämlich 20 Gulden im Jahr, erhielt der Marktschreiber als Leiter der Verwaltung. Weniger hoch eingestuft waren der Schullehrer mit 8 Gulden, der für die Wasserversorgung zuständige Röhrmeister mit 7 Gulden und der Marktknecht mit 6 Gulden und 20 Kreuzern. Am unteren Ende der Hierarchie stand der Marktdiener, dem nur 6 Gulden zugestanden wurden. Für je einen Gulden erhielt man damals 10 Pfund Schweinefleisch, 4 Laib Brot, 30 Liter Bier oder 6 Hühner.

War Strasser in amtlicher Funktion unterwegs, trug er eine blaue Schirmmütze. Dazu schwang er eine Handglocke, um sich weithin bemerkbar zu machen. Sie wird heute noch im Rathaus aufbewahrt. Zum Ausschellen stand ging er auf den Marktplatz, an die Schule sowie in Regensburger Straße, Ringstraße, Bachgasse, Fischergasse, Neudorfer Straße, Mühlbach, Weidengasse und Planstraße. Auf diesem Rundgang erreichte er die gesamte Bevölkerung des Marktes.
Neuigkeiten verkündete der Marktdiener in der Regel während der Mittagszeit, gelegentlich auch am Abend. Die meisten Leute traten dazu vor die Häuser. Bequemere lehnten sich auf die Fensterbank. Unterwegs konnte man der Amtsperson auch Schreiben für das Rathaus mitgeben. Hatte jemand eine Meldung überhört oder nur teilweise verstanden, begleitete er den Marktdiener bis zum nächsten Haltepunkt. "Dort vorn an der nächsten Stelle sag ich's wieder!", beschied Strasser, der ein humorvoller Mensch gewesen sein soll. Über das Offizielle hinaus blieb genügend Zeit zum Ratschen.

Einige Bekanntmachungen sind überliefert. "Hinter dem Anwesen Kern in der Weidengasse ist der Hohlweg mit Schnee verweht. Aus jedem Haus wird eine Arbeitskraft gebraucht. Das Scharwerk beginnt morgen um ein Uhr mittags. Pickel und Schaufel sind mitzubringen. Der Marktdiener überwacht den Einsatz und leitet die Freilegung des Weges. Er hat die Namen der Scharwerker schriftlich festzuhalten", sagte er im Winter. Damals war es noch nicht üblich, dass ein Winterdienst Straßen und Wege räumt.
"Bis zum 16. Oktober sind der Tierseuchenbeitrag und die Pacht für den Gemeindegrund in der Wohnung von Peter Schwab zu entrichten", lautete eine andere Information. "Am nächsten Montag findet eine Marktratssitzung statt. Auf der Tagesordnung stehen: Festlegung des Wasserpreises und Verteilung von gemeindeeigenem Pachtgrund an die Meistbietenden", kündigte Strasser an.

Notschlachtung kostet extra

"Die Mütterberatung wird am Mittwoch zur gewohnten Zeit in der Schule abgehalten", lud der Marktdiener ebenso ein wie "Am Freitag übt die Feuerwehr am Gerätehaus. Das Erscheinen aller aktiven Wehrmänner ist Pflicht." Dazu kamen geschäftliche Informationen: "Auf dem Marktplatz ist eine Bettfedernreinigung eingetroffen. Die Federn werden mit Dampf erhitzt und gereinigt. Auch neue Inletts können erworben werden. Auf regen Zuspruch freut sich Familie Zettl." Dafür kassierte Strasser ebenso wie für die Ausrufung einer Notschlachtung oder eines Ferkelverkaufs eine niedrige Extragebühr.
Im Übrigen war der Marktdiener das sprichwörtliche Mädchen für alles: Er hatte als Flurschützer Waldfrevel und Felddiebstähle zu unterbinden und musste im Winter Schneezeichen aufstellen. Diese fertigte er selbst aus etwa zwei Meter hohen Fichtenbäumchen, die er bis zur Spitze entastete.

Feuerwehr im Haus

Wie erwähnt, machte Marktdiener Strasser gelegentlich auch auf eine Feuerwehrübung aufmerksam. Eine solche Aktion fand lange nach seinem Tod in seinem leerstehenden Häuschen statt. Im September 2008 alarmierte man die drei Feuerwehren des Marktes. Das Szenario sah vor, dass sie vier Personen, die wegen eines Zimmerbrandes eingeschlossen waren, retten. Das ist mittlerweile nicht mehr möglich, denn das Gebäude an der Kirchhofmauer ist komplett abgerissen.

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