25.08.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Kinder sicheren Umgang mit Feuer üben lassen Ran ans Streichholz

Von allen Seiten die Flammen treffen: So lernen Kinder, das Feuer zu beherrschen.
von Agentur DPAProfil

Buddeln in der Erde, Planschen im Wasser, Luftballons aufblasen: Das alles ist für Kinder kein Problem. Doch das vierte Element, Feuer, macht es ihnen und ihren Erziehern schwer. Während die Kleinen von der gelb-orange züngelnden Flamme meist fasziniert sind, graut es vielen Eltern und Pädagogen davor, ein Streichholz in Kinderhände zu geben. Doch es gibt auch Kindergärten, die ihr Personal für die Arbeit mit Feuer fortbilden und die Kleinen mit professioneller Hilfe zündeln lassen.

In der Kindertagesstätte "Die Arche" im Berliner Stadtteil Kreuzberg beginnt die Feuerwoche mit einer großen Fragerunde. "Wer hat denn schon einmal ein Feuer gesehen?", fragt Kain Karawahn. Der Feuerkünstler hat in zehn Jahren gut 1500 Pädagogen fortgebildet und bietet selbst Feuerprojekte an, mit Rückendeckung von Feuerwehr und Unfallkasse. "Im Fernsehen", beantwortet ein Kind die Frage in der Kita-Runde, "da ist ein Auto explodiert." Es kommen noch andere Antworten: Osterfeuer, Grillen, Lagerfeuer im Urlaub.

Teil der Kultur

Doch eine ähnliche Geschichte wie die vom explodierenden Auto bekommt Kain Karawahn fast immer bei der Einstiegsrunde zu hören. "Oft kennen Kinder Feuer nur als destruktives Element, aus dem Fernsehen oder auch aus Bilderbüchern", sagt er. Das stört ihn, er begreift Feuer als wichtigen Bestandteil der Kultur.

"Die Devise ,Hände weg vom Feuer!' entspringt einem Erziehungsmaßstab aus dem 19. Jahrhundert", sagt Frieder Kircher. Er ist leitender Brandschutzdirektor bei der Berliner Feuerwehr und Experte für Brandschutzerziehung und Brandschutzaufklärung beim deutschen Feuerwehrverband (DFV). Er führt viele Brandunfälle auf die Unkenntnis von Erwachsenen zurück, denen als Kindern der Umgang mit Feuer strikt verboten wurde. "Eine vernünftige, sachgerechte Brandschutzerziehung schützt vor Gefahren durch Feuer." Karawahns Programm kennt er und empfiehlt es unumwunden.

In der Kita "Die Arche" folgt nach der Theorie die Praxis: Die Kinder zünden zunächst Streichhölzer an und damit dann Kerzen. Am dritten Tag geht es raus, und das Feuer wird größer. Jede praktische Übung wird mit den Vorschulkindern konzentriert durchgesprochen. Er nimmt die Kleinen ernst und auch in die Verantwortung: "Die Kinder sind in dem Alter fähig zu antizipieren, was mit dem Feuer passiert und dass es nicht rückgängig gemacht werden kann."

Ein Merksatz für die Kinder lautet: "Ein Feuer braucht einen Freund und ein Zuhause!" Die Freunde, also die Aufpasser des Feuers, sind heute die Kinder. Das Zuhause ist ein Platz, an dem es keinen Schaden anrichten kann und der hinterher genauso aussieht wie vorher. Im Garten des Kindergartens breitet Karawahn seine Arme aus und fliegt symbolisch zweimal einen engen Kreis um seine Feuerstelle.

Nur wenn man weder oben, noch in Kniehöhe an etwas Brennbares stößt, ist der Platz geeignet, lernen die Kinder. Danach kreisen die 20 Fünf- bis Sechsjährigen an verschiedenen Stellen um ihren ausgewählten Feuerplatz.

Wind und Wasser

Die Kleinen haben noch mehr gelernt: Haare und Hemdsärmel vom Feuer fernhalten, den Wind bedenken und immer Wasser dabei haben. Etwas Ernstes sei bei seinen Projekten noch nicht passiert, sagt Karawahn: "Höchstens mal eine Brandblase." Die Kinder sollen selbst erfahren, was Feuer bewirkt. Jeder hat einen Metalltopf vor sich, in dem ein Stück Grillanzünder brennt. Die Flammen werden gestreichelt, es wird getestet, wo es angenehm und wo es zu heiß ist.

Und hinterher wird gelöscht - mit Wasser, das die Kinder gezielt von der Seite auf die Flammen spucken. "Feuer ist für Kinder irrsinnig faszinierend", sagt Manon Mäder, eine der Erzieherinnen in der Kita. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen hat sie eine Fortbildung zur Feuererziehung gemacht und ist daher ganz entspannt und sicher, dass ihren Schützlingen nichts passiert. Auch die Eltern begleiten das Projekt zuversichtlich. Sie wurden vorab auf einem Elternabend informiert und wissen ungefähr, was passiert.

"Wenn Dir ein Feuer Angst macht, renn weg und sag einem Erwachsenen Bescheid!" Dieser Satz muss immer gelten, meint Karawahn. "Und das Kind bekommt eine Belohnung, weil es das Feuer gemeldet hat", empfiehlt er obendrein. Nur den Erwachsenen erklärt er, was am Verbot von Feuer so schlimm ist: "Verbotenes reizt", sagt er. Irgendwo, ob im eigenen Haus, bei Freunden oder Nachbarn, könnten Kinder immer Streichhölzer finden, meint er.

Gezündelt wird dann im Geheimen, etwa im Kinderzimmer. Und wenn dann etwas schief geht, halten die Kinder still und verstecken sich, aus Angst vor einer Strafe - oft mit fatalen Folgen.

Gemeinsames Feuer

"Verbote sind sinnlos", unterstreicht auch der Berliner Feuerwehrmann Frieder Kircher. Er empfiehlt Eltern, zusammen mit den Kindern Feuer zu machen. So hält es auch Kain Karawahn beim Abschluss seiner Feuerwoche - nur umgekehrt. Nach fünf Tagen laden die Kinder ihre Familie an ein kleines, selbst gebautes Lagerfeuer aus Reisigholz. Über dem Garten der Kita stehen 20 kleine Rauchsäulen, und es werden Würstchen gegrillt. Genau wie es sein soll, sieht hinterher alles aus wie vorher. Nur bei den Kindern hat sich etwas verändert: In ihren Gesichtern zeichnet sich Stolz über die gemeisterte Aufgabe ab.

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Nachrichten per WhatsApp