21.08.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Leben für die Netzhautforschung: Der sehbehinderte Musiker Franz Badura und seine Stiftung Kampfansage per Trompete

Franz Badura aus Amberg in seinem Element. Wenn er nicht Trompete spielt oder Musikunterricht erteilt, ist er für die Netzhautforschung unterwegs. Bild: upl
von Uli Piehler Kontakt Profil

Immer diese langen Bälle! Flanke über Rechtsaußen. Querpass. Und ... wieder versemmelt. Es waren Situationen wie diese, die Franz Badura im Alter von 14 Jahren an den Rand der Verzweiflung trieben. "Ich war damals Stürmer bei der DJK Ammerthal. Ich hab den Ball immer einen Tick später gesehen als mein Gegner. Den entscheidenden Tick." Irgendwann war der Frust so groß, dass er erneut zum Augenarzt ging - der Praxisbesuch markiert den Beginn einer Geschichte, die Baduras Leben prägte und nun zunehmend öffentlich wahrgenommen wird.

Odyssee durch die Praxen

Franz Badura leidet an der bislang unheilbaren Augenkrankheit Retinitis Pigmentosa. Eine Krankheit, die sich schleichend bemerkbar macht: Beginnend mit der Nachtblindheit verschwimmen die Kontraste, das Gesichtsfeld schränkt sich ein. "Irgendwann ist es so, als sähe man durch eine verschmierte Windschutzscheibe", erzählt Badura. Für das damals 14-jährige Fußballtalent begann eine lange, nervenaufreibende Odyssee durch die Arztpraxen. Nach fast vier Jahren stellte ein Spezialist an der Uniklinik Erlangen die niederschmetternde Diagnose.

Die Sehzellen des menschlichen Auges - sogenannte Stäbchen und Zapfen - müssen täglich ausgebessert oder neu gebildet werden. Bei Retinitis Pigmentosa ist dieser Regenerationsprozess gestört. Die Zellen sterben ab, die Sehkraft des Betroffenen sinkt. "Das kann bis zur völligen Erblindung führen", erklärt Badura. "So weit ist es bei mir gottseidank noch nicht."

Badura ist ein Kämpfertyp. "War ich schon immer", sagt er über sich selbst mit einem verschmitzten Lächeln. Nachdem seine Krankheit diagnostiziert wurde, beginnt der ansonsten kerngesunde Gymnasiast nach einer Lösung zu suchen. Er belegt den Leistungskurs Biologie, trägt sich mit dem Gedanken, später als Wissenschaftler über die Krankheit zu forschen. Doch der zunehmende Sehkraftverlust macht dieses Vorhaben zunichte. "Ich konnte nicht mikroskopieren. Dinge, wie das Abzeichnen von Zellen, sind einfach nicht mehr gegangen."

Retinitis Pigmentosa vermochte es, ihm die Freude am Fußballspielen zu nehmen und seine Pläne für das Biologiestudium zu zerstören. Seiner musikalischen Begabung konnte die Krankheit aber nichts anhaben. Im Gegenteil. "Es ist tatsächlich so: Wenn ein Sinn an Kraft verliert, versuchen die anderen Sinne, das Defizit auszugleichen." Franz Badura besann sich auf seinen Kindheitstraum Trompete zu spielen. Als 21-Jähriger begann er ein Studium an der Hochschule für Musik in Köln im Fach Trompete. Mit 28 Jahren gründete er eine private Musikschule in Amberg und tritt seither bundesweit als Trompetensolist auf. Und wenn er in den Kathedralen zur Ehre Gottes spielt oder in den Konzertsälen das Publikum begeistert, dann spielt er auch gegen diese Augenkrankheit an, der er sich partout nicht geschlagen geben will. "Es gibt die Hoffnung, Retinitis Pigmentosa zu heilen", sagt Badura. "Es müsste halt mehr geforscht werden - weltweit." Doch das "müsste" hat der Ambergers aus seinem Wortschatz verbannt. Er gründete 2011 die "Albrecht-Mayer-Stiftung für Netzhautforschung". Ziel der Stiftung ist es, Wissenschaftler auf der ganzen Welt zu unterstützen, die einen vielversprechenden Ansatz zur Bekämpfung der Krankheit verfolgen. Solche Forscher sind dünn gesägt. Sie zu finden, zu vernetzen ist deswegen ebenfalls Aufgabe der Stiftung.

Ein Oboist als Türöffner

Warum trägt die Stiftung den Namen Albrecht Mayer? "Weil er mein Freund ist. Weil er in der Klassik-Szene weltbekannt und in dieser Eigenschaft ein unglaublich effizienter Türöffner ist." Als Solo-Oboist tourt Mayer mit den Berliner Philharmonikern rund um den Globus. "Natürlich ist das Hören für mich als Musiker ein essenzieller Teil meines Lebens," sagt Mayer. "Gerade aus diesem Bewusstsein heraus ist es für mich unvorstellbar, mit einem sehr eingeschränkten Sehvermögen oder gar ganz ohne mein Augenlicht leben zu müssen." Aus diesem Grund will er Badura helfen und nicht nur ihm. Derzeit leben in Deutschland 150 000 blinde und etwa 500 000 sehbehinderte Menschen, wovon ein großer Teil an Retinitis Pigmentosa erkrankt ist.

Mayers Name öffnet weniger Türen, sondern vielmehr Kassen. "Es ist einfach eine andere Hausnummer, wenn ich für mein Anliegen mit einem prominenten Vertreter der Philharmoniker aufwarten kann", erklärt Badura. Nicht nur Mayer stellt seinen Namen zur Verfügung. Auch Dirigent Sir Simon Rattle gehört mittlerweile dem Stiftungskuratorium an und der Schauspieler Joachim Król ("Der bewegte Mann", "Das Superweib", "Lola rennt", "Bin ich schön?", "Tatort").

Wenn bei der Messe in der Amberger Basilika St. Martin völlig unangekündigt ein Duett von Trompete und Oboe erklingt, dann ist mit höchster Wahrscheinlichkeit Albrecht Mayer wieder in der Stadt, um sich von Franz Badura auf den neuesten Stand der Netzhautforschung bringen zu lassen. Viele Gottesdienstbesucher möchten dann kurzzeitig blind sein, schließen wegen des Hörgenusses ihre Lider. Franz Badura will nicht nur ihnen für die Retinitis-Forschung die Augen öffnen.

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