09.08.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Leckerei im Tässchen

von Autor MSCProfil

Von wegen Steingut sei nicht edel oder gut genug für herrschaftliche Tafelfreuden. Ganz im Gegenteil! "Jedes Adelshaus, das etwas auf sich hielt, wollte Steingutgeschirre haben!", weiß Sammler, Kenner und Kurator Pfarrer Klaus Haußmann. Anfangs konnten sich nur Hochadel und Steinreiche solchen Luxus leisten. Um 1830 wurde Steingut auch für Bürger mit nicht so großem Geldbeutel erschwinglich. "Und um 1900 ist es dann so ein bisschen das Arme-Leute-Geschirr geworden", berichtet der Experte beim Gang durch die Ausstellung "Feines Steingut 1750-1850 aus Sammlerschränken und die Steingutfabriken im Königreich Bayern". Bis 5. Oktober lädt das Stadtmuseum Amberg ein, die etwa 700 außergewöhnlichen Exponate zu bestaunen, die in beleuchteten Vitrinen nach Epochen und Themen geordnet sind.

Museumsleiterin Judith von Rauchbauer konnte Sammler dazu bewegen, eine Auswahl ihrer Schätze zu zeigen, darunter der Ammerthaler Pfarrer Klaus Haußmann, der mit seinen Objekten schon mehrmals an die Öffentlichkeit getreten ist. Mit ihm gemeinsam die Ausstellung zu besuchen wird zur spannenden und abenteuerlichen Exkursion durch Geschichte und Handwerkskunst.

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Das Eistässchen (Custard Cup) ist so ein außergewöhnliches Objekt: "Vanillesauce war damals der letzte Schrei und Eis hat man in der feinen Gesellschaft geliebt. Natürlich nicht unser Creme-Eis, sondern geschabtes oder gestoßenes Wassereis, das mit Limette, Zitrone oder Pomeranze und Zucker versetzt war. Diese Leckerei servierte man mit einem Deckeltässchen," weiß der Experte. Um 1760/65 entstand das zierliche, weißblau handbemalte Exemplar wahrscheinlich in Staffordshire/England, das als eines der ältesten Exemplare in dieser Ausstellung zu sehen ist.

Was unterscheidet denn Porzellan von Steingut? "Steingut fühlt sich weicher und wärmer an, es ist leichter, ist ja auch nicht so dicht und ist nicht versintert. Das Material bleibt porös", erklärt der Sammler. "Wenn man es mit dem Finger anschnippt, ist der Klang etwas dumpfer. Porzellan klingt heller. Die Tonminerale, die nicht schmelzenden Bestandteile, verkleben nur punktuell - ähnlich wie bei Styropor. Deshalb schlägt Steingut auch schneller an und ab, und bei beschädigter Glasur kann auch Flüssigkeit eindringen". Um diese Nachteile auszugleichen habe man versucht, die Wandung dicker zu machen. "Dadurch wurden die Objekte allerdings auch weniger elegant. Das war eine Gratwanderung!"

Sanft beleuchtet prangen die Objekte aus "English Creamware", "Queen's ware", "Queens coloured ware", "Fayence anglaise" - gemeint ist immer Steingut. Geordnet sind die Stücke nach Epoche und Dekoration: Es gibt sie durchbrochen, bemalt, bedruckt, blau-weiß gehalten, mit geschichtlichen Themen oder Zirkusszenen verziert, schwarzgrundig, mit Goldauflage oder Lüsterfarben - je nach der Mode der Zeit. Manche Dekore werden heute noch bei Villeroy und Boch hergestellt.

Haußmanns Wissen zum Thema ist unerschöpflich. "Der Name Steingut wird seit Jahrzehnten missverstanden. Weil es die meisten Leute mit grobem Steinzeug verwechseln und eben nicht wissen, dass Steingut elegante Tischware für hochherrschaftliche Tische meint", fährt er in seinen Erläuterungen fort. Charlotte, Königin von England, schätzte ihr Teeservice aus Steingut sehr, und auch Zarin Katharina II. gehörte zu den Liebhaberinnen solch edlen Tafelgeschirrs. Ihr 952 Teile umfassendes "Frog-Service" von Wedgwood war das größte und teuerste Steingutprojekt aller Zeiten. Berühmter deutscher Kunde war der Fürst Franz von Anhalt-Dessau. Sein klassizistisches Schloss in Görlitz ist eingerichtet mit Steingutkeramik von Wedgwood, dem Erfinder des Verfahrens. Das älteste erhaltene Steingutobjekt wird im britischen Museum gezeigt und ist mit 1743 datiert. Natürlich versuchte man auch auf dem Kontinent, den Erfolg der englischen Firmen nachzuahmen. Die frühesten Steingutfabriken entstanden in Pont-aux-Choux und Lunéville.

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27 Fabriken gegründet

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Auch im Königreich Bayern werden zwischen 1806 bis 1918 insgesamt 27 Fabriken gegründet, was ein zweiter Schwerpunkt der Ausstellung ist, und so noch nie zu sehen war. Der Experte: "Der ostbayerische Raum ist ein Zentrum für Steingut. Gründungen wurden auch gefördert und unterstützt von der Regierung, um diese arme Landschaft zu prosperieren. Auch musste der Betreiber nachweisen, dass er genügend Geld und Fachwissen hat. Da gab es natürlich auch viele Irrtümer!"

Fabriken mit Steingut nach englischer Art entstanden zuerst in Bayreuth. Zweiter bayerischer Standort war Amberg. Regensburg hat das eleganteste und sehr hochwertige Steingut fabriziert. Hirschau ist ebenfalls hervorzuheben. Mit Stolz verweist Klaus Haußmann zum Schluss des Rundgangs noch darauf: "Wir zeigen in dieser Sonderschau von fast jeder Fabrik mindestens ein Objekt!"

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