30.08.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Mehr als Freiland-Museum

von Susanne KempfProfil

Das erste Treffen verlief eher zufällig. Beim Rundgang durch den Geschichtspark Bärnau-Tachov saß in einem der Häuser des Frühmittelalters ein bärtiger Mann. Alleine, in der Stille und Dunkelheit des Raumes, schnitzte an einem Stück Holz. Kundig beantwortete er die Fragen, die die Besucher anfangs zögerlich stellten. Schnell zeigt sich, dass der "Hausbewohner" vom Fach war, keine Antwort schuldig blieb. Wenige Wochen später erzählte "Mittelalter-Mann" Stefan Wolters von seiner spannenden Tätigkeit im Geschichtspark.

Archäologe und Historiker Stefan Wolters stammt aus Braunschweig, lebt seit vielen Jahren in der Nähe von Bamberg. Zumindest am Wochenende. Während der Woche ist er als wissenschaftlicher Leiter im Geschichtspark Bärnau-Tachov tätig. Seit seinem Studium konnte bei Ausgrabungen in ganz Bayern Erfahrungen und Wissen sammeln. Besonders im Bereich der Mittelalterarchäologie eignete er sich Detailwissen über Kirchen, Burgen, dörfliche und städtische Siedlungen an. Im Geschichtspark ist er als wissenschaftlicher Leiter für die Erstellung der Baupläne, die Bautätigkeiten, die Konzeption verantwortlich, arbeitet als Feldarchäologe und macht auch Führungen für Besucher. "Meine Arbeit ist eine einmalige Chance für eine Konzeptentwicklung und -umsetzung."

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Der Geschichtspark ist in Bewegung, er entwickelt sich, bietet Besuchern nicht nur Freizeitvergnügen und Informationen, sondern betont auch den wissenschaftlichen Anspruch. "Wir wollen die Menschen in der Geschichte zeigen, wollen vermitteln, dass Geschichte nicht langweilig ist." Der Geschichtspark ist weitaus mehr als ein Freiland-Museum, vielmehr will er als lebendiges Mitmach-Museum ein authentisches Bild des Mittelalters zeigen. Und dies geschieht in strenger Abgrenzung von den vielerorts bekannten Mittelalter-Märkten, zu denen jedes Jahr Tausende von Besuchern strömen, um sich bei Musik, Spießbraten und Gaukler-Vorführungen ihr eigenes Mittelalter-Bild zu schaffen.

Eine völlig andere Herangehensweise an die Zeit des Mittelalters zeigt der Geschichtspark. Rund 160 "Darsteller" verbringen nicht nur ihre Freizeit in den Häusern des Früh- und Hochmittelalters, sie bauen selbst an den Häusern mit. Die Darsteller, die aus Weiden, Amberg und Nabburg aber auch aus Thüringen, Sachsen, Franken, Speyer, München und von der französischen Grenze kommen, übernehmen "Hauspatenschaften", sind alle Mitglied im Förderverein.

Dieser ist wichtig, um einen Teil der Finanzierung zu gewährleisten. Nach dreijähriger Förderung sind die EU-Fördermittel mittlerweile ausgelaufen. Erstaunlicherweise hat bislang kein einziger Bärnauer eine Hauspatenschaft übernommen. "Überregional wird unser Geschichtspark sehr geschätzt!" erklärt Stefan Wolters. Dabei bringt der Park auch Investoren in die Gemeinde, ein Unternehmer investierte viel Geld in sein Hotel vor Ort, um es für die Besucher attraktiv zu machen.

Was ist der Anreiz für Menschen, die im Berufsleben stehen, Familien haben, die Annehmlichkeiten des 21. Jahrhunderts kennen, ihre Freizeit "im Mittelalter" zu verbringen? "Die Darsteller sehen ihre Zeit im Geschichtspark einerseits als Urlaub der besonderen Art, andererseits forschen sie auch selbst zu einzelnen Themengebieten, erproben sich in der Praxis des Lebens in der Vergangenheit." erzählt Wolters. "Sie wollen die untergegangene Welt nachempfinden, lebendig erfahren."

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Gegen falsche Vorstellungen

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Kann man sich das Mittelalter wirklich so vorstellen, wie es sich im Geschichtspark zeigt? "Wir versuchen, ein Bildungsprojekt vor gesichertem wissenschaftlichem Hintergrund umzusetzen." Und deswegen grenzt sich der Geschichtspark konsequent von inszenierten und fantasievoll-ausgeschmückten Mittelalter-Stilisierungen auf Mittelalter-Märkten und in "Event-Heerlagern" ab. "Wir wollen Authentizität, kein falsches Geschichtsbild vermitteln. Wir arbeiten gegen falsche Vorstellungen." Deshalb sei es auch nicht gewünscht, dass Besucher in historisierender mittelalterlicher "Gewandung" den Geschichtspark besuchen. "Die Gewandungen, die unsere Hausbewohner tragen, sind nach echten historischen Vorbildern selbst gefertigt, entsprechen den historischen Vorlagen bis ins Detail." Unsere "Hauspaten erleben in ihrem mittelalterlichen Leben eine extreme Entschleunigung."

Und auch die Besucher verhalten sich nach kurzer Zeit anders als bei anderen Veranstaltungen. "Sie haben beim Betreten der Häuser das Empfinden, in eine fremde Privatsphäre einzudringen und verhalten sich dementsprechend respektvoll." Wie waren die Menschen, wie verlief das Leben im Mittelalter? Wolters: "Die Menschen waren wie wir, sie hatten die gleichen Lebensziele. Das, was sie erreichten, schafften sie nur unter extrem erschwerten Bedingungen." Praktisches Beispiel: "Die Menschen überlegten damals nicht, welches Gewand sie an einem Tag tragen wollten. Sie hatten nur eines. Dieses wurde getragen, bis es zerfiel. Erst dann wurde unter großem Aufwand ein neues Gewand gefertigt."

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Eine schwere Zeit

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Und wie reagieren die Hauspaten auf die kargen Umstände? "Sie sagen nie, sie hätten grundsätzlich lieber im Mittelalter gelebt. Das Mittelalter war eine schwere Zeit, ich erinnere nur die medizinischen und hygienischen Umstände, Kriegsgefahren, Mangelernährung. Es gab keinen Winter ohne Hunger. Das Leben war ein immerwährender Kampf ums Überleben." erklärt der wissenschaftliche Leiter. "Wir wollen die Alltagsproblematik erklären." Derzeit ist weiterhin in den Häusern alles im Fluss, in der Entstehung. "Wir bauen weiter an den Häusern, betrieben den Innenausbau, die Möblierung, den Hausschmuck. Die Häusern sollen belebt aussehen." Damit die Wissenschaftlichkeit gesichert ist, kontrolliert ein wissenschaftlicher Beirat regelmäßig die Arbeiten auf Qualität und wissenschaftliche Relevanz.

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