16.08.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Naiditsch schlägt Weltmeister Sensation

von Redaktion OnetzProfil

Bei der gerade zu Ende gegangenen Schacholympiade von Tromsø/Norwegen gelang dem deutschen Spitzenspieler Arkadij Naiditsch sein wohl spektakulärster Sieg. In einer Kampfpartie rang er den jungen norwegischen Weltmeister Magnus Carlsen in 62 Zügen nieder. Grund genug, den Sieger näher vorzustellen.

Der in Lettlands Hauptstadt Riga 1985 Geborene lernte Schach schon mit fünf Jahren. Schon nach drei Jahren galt er als Meisteranwärter. Seine ersten großen Erfolge: 1995 Europameister und Vizeweltmeister der U 10. Ein Jahr später zog er mit seiner Familie von Riga nach Dortmund. Dort wurde er von seinem Verein, SF Dortmund-Brackel, und dem Deutschen Schachbund durch Großmeistertraining gefördert. Schon 1999 Internationaler Meister erhielt er 2001 15-jährig als jüngster Deutscher den Großmeistertitel. 2005 wurde er offiziell deutscher Staatsbürger.

Im gleichen Jahr gelang ihm sein größter Erfolg. Als Elo-Schwächster gewann er sensationell das Dortmunder Sparkassen Chess Meeting vor den Weltklassespielern Wladimir Kramnik, Peter Lékó, Wesselin Topalow und Michael Adams. Seine erste deutsche Meisterschaft holte er 2007 in Bad Königshofen. Nicht zu vergessen ist sein Sieg bei der Europa-Mannschaftsmeisterschaft 2011 als Spitzenspieler des deutschen Teams.

Verfolgen Sie nun den sensationellen Sieg der deutschen Nummer 1 bei der Schacholympiade 2014 gegen den Weltmeister.

Weiß: Magnus Carlsen

Schwarz: Arkadij Naiditsch

1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 4.Sf3 c5 5.g3 0-0 6.Lg2 cxd4 7.Sxd4 d5 8.cxd5 Sxd5 9.Db3 Sc6 10.Sxc6 bxc6 11.0-0 Da5 12.Se4 La6 13.Dc2 h6 14.a3 Le7 15.b4 Db5 16.Te1 Dc4 17.Db2 c5 18.Sxc5 Lf6 19.Da2 Tac8 20.e4 Sc3 21.Dxc4 Lxc4 22.e5 Le7 23.Ld2 Se2+ 24.Kh1 Sd4 25.Tac1 Ld5 26.Lxd5 exd5 27.Sd7 Txc1 28.Txc1 Td8 29.Sc5 Lxc5 30.Txc5 Sf3 31.Lc3 g5 32.h3 h5 33.Kg2 g4 34.b5 Td7 35.Tc8+ Kh7 36.La5 d4 37.hxg4 hxg4 38.e6 fxe6 39.Tc7 Txc7 40.Lxc7 d3 41.Kf1 Sd4 42.Ke1 Sxb5 43.Lb8 Sxa3 44.Kd2 a5 45.Kxd3 Kg6 46.Ke4 a4 47.Le5 Sc4 48.Lc3 a3 49.Kf4 Kh5 50.f3 e5+ 51.Ke4 Sd6+ 52.Ke3 Kg5 53.fxg4 e4 54.Kd2 Sb5 55.Le5 Kxg4 56.Ke3 Kf5 57.La1 Sd6 58.Kd2 Kg4 59.Ke3 a2 60.Lc3 Kxg3 61.La1 Kg4 62.Kd2 Kf3 0-1.

Tagesnotizen: In Taktikaufgabe Nr. 78a zeigt der die weißen Steine führende ehemalige ungarische WM-Kandidat Lajos Portisch beim Sax-Memorial 2014 im Duell gegen seinen 19-jährigen Landsmann FM Mate Bagi, dass er auch mit 77 Jahren noch nicht zum alten Eisen gehört. Wie fährt Weiß am Zug den vollen Punkt ein?

Bei Aufgabe Nr. 78baus eigener Werkstatt ist ein Hilfsmatt in drei Zügen angesagt. Hilfsmatt bedeutet, dass Schwarz den ersten Zug hat und beide, Weiß und Schwarz, zusammenhelfen, den schwarzen König spätestens mit dem dritten Zugpaar matt zu setzen. Zu welcher Bretthälfte mag sich das Spiel wohl orientieren?

Lösungen: Die Partie zu Taktikaufgabe Nr. 77a (Nikolic - Ernst, W: Kg1, Dc2, Tb3, Le5, Bd4, e3, f2, g2, h3 [9], S: Kg8, Da5, Tb5, Lf8, Bd5, e6, f7, g6, h7 [9]) wurde bei der niederländischen Landesmeisterschaft 1998 ausgetragen. Der damals 20-jährige Fidemeister hatte sich gegen den bosnischen Großmeister, der seit 1993 in den Niederlanden lebt, wacker geschlagen. Doch hätte er besser die Wiederherstellung des materiellen Gleichgewichts durch Rückgewinn des weißen Mehrbauern mit 0...Tb7xb5 unterlassen.

Dieser Zug gibt Weiß Gelegenheit, mit 1.Dc8! die Grundreihenschwäche des Schwarzen zu nutzen. Weiß braucht sich um seinen Turm nicht zu kümmern: 1...Txb3 2.Ld6 und nach 2...Kg7 3.Dxf8+ Kf6 4.Dh8+ Kg5 5.Lf4+ Kf5 6.De5# oder5...Kh4/Kh5 6.Dxh7#. Schwarze Damen- oder Turmschachgebote können diese Mattfolge nur verzögern.

Auch 2...Tb6 hätte Schwarz nicht gerettet, da 3.Dd8 (droht 4.Df6 nebst Matt auf Feld h8) 3...f6 4.Txb6 mindestens den Turm gekostet hätte.

Konsequent hat der bosnische GM die Chance genutzt, die ihm sein junger Gegner eingeräumt hat.

Gegenstand der Aufgabe Nr. 77b (Höller, W: Kg7, Te4, Ld1, Sg1 [4], S: Kg5, Be7 [2]) ist eine Miniatur - so nennen Problemisten Aufgaben mit sechs oder sieben Steinen -, die gegen jede schwarze Gegenwehr in drei Zügen zum Matt führt. Wie erkennbar besitzt der schwarze König das Fluchtfeld f5, von wo aus er den ungeschützten Turm bedrohen würde.

Wer nun errechnet hat, dass 1.Lh5? löst, liegt falsch. Zwar würde sowohl 1...Kf5? (wegen 2.Lg6+ Kg5 3.Sf3# und 3.Sh3#) als auch 1...Kxh5? (wegen 2.Sf3 beliebig 3.Th4#) zum Matt führen. Schwarz kann sich jedoch mit 1...e5! retten, da Weiß nach 2.Lg6 wegen der damit eingetretenen Pattstellung nicht zu 3.Sf3#/Sh3# kommt. Besser ist der zurechtstellende und Zugzwang einleitende Zug 1.Td4!. Der Turm entzieht sich prophylaktisch dem Königsangriff. Zudem wird sich als bedeutsam erweisen, dass der Turm gerade auf dieses Feld ziehen muss, um vorausschauend die d-Linie zu kontrollieren. Schwarz stehen nun drei Züge zur Auswahl.

a) 1...e5. Nachdem dieser Bauer als "Fernblock" ein potenzielles Fluchtfeld des schwarzen Königs blockiert, greift Weiß zu 2.Sh3+ Kf5 3.Lg4#.

b) 1...e6. Auch hier bildet der Bauer einen Fernblock, worauf 2.Sf3+ Kf5 3.Lc2# folgt.

c) Falls 1...Kf5, so 2.Lg4+ und nach 2...Ke5 oder 2...Kg5 3.Sf3#, nach 2...Kg5 mit Mustermatt, nachdem dem schwarzen König der Zugang auf jedes ihn umgebende Feld nur aus einem Grund verwehrt ist. Dieses Abspiel lässt übrigens erkennen, weshalb der Turm im Schlüsselzug gerade auf das Feld d4 ziehen musste. Nur von diesem Feld aus konnte er nach 2...Ke5 die Königsflucht nach d5/d6 verhindern.

Ein vom oberbayerischen Problemmeister mit sechs Steinen gehaltvoll gebautes Stück!

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