30.08.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Nicht nur Vitrinen

von Agentur DPAProfil

Auf dem Parkplatz steht schon am Vormittag ein Auto neben dem anderen. Jugendliche, Paare, vor allem Familien, oft mit kleinen Kindern, strömen in Richtung Palisadenzaun. "Archäologisches Museum" steht über dem Eingang. Wer zum ersten Mal hierherkommt, wundert sich über den Andrang: Ein archäologisches Museum als Familienausflugsziel? Hier in Biskupin, rund 50 Kilometer südlich von Bydgoszcz (Bromberg), ist eben vieles etwas anders.

Das Museumsdorf ist eines der größten, ältesten und beliebtesten in Polen. Und eines mit einer ziemlich ungewöhnlichen Geschichte. Zum Museum gehört ein modernes Besucherzentrum mit einer sehenswerten Ausstellung zur Geschichte der Menschen, die hier in der Jungsteinzeit, der Bronzezeit und dann vor allem in der Eisenzeit gelebt haben.

___ ___

Aber es gibt nicht nur Vitrinen mit prähistorischen Ausstellungsstücken vom Steinbeil bis zu Urnenbechern. Einen Schwerpunkt legen die Museumspädagogen auf Experimentelle Archäologie. Und das kommt den Besuchern sehr entgegen, weil über Geschichte hier nicht doziert wird: Man kann an vielen Stellen zugucken, anfassen, mitmachen.

Denn Archäologen haben in Biskupin nicht nur viel ausgegraben, sondern auch viel ausprobiert, um herauszufinden, wie die Menschen vor Tausenden von Jahren wohl gelebt haben könnten. Und so findet sich hinter einem rekonstruierten Langhaus aus der Jungsteinzeit auch eine Kochstelle, an der eine junge Frau in bodenlangem Gewand mit Fellbesatz in einem Tontopf über dem Feuer rührt und Getreidebrei kocht.

Ebenfalls vorzeitlich gekleidete junge Männer zeigen, wie man Feuer macht, wenn gerade keine Streichhölzer zur Hand sind. An einer anderen Stelle demonstrieren Museumsmitarbeiter, wie ein Begräbnis vor sich ging: Der Tote liegt bereits in einer Mulde im Boden.

___

Merkwürdige Holzpfosten

___

Ein beliebtes Ausflugsziel war der Biskupiner See schon, als es das Museum noch nicht gab. Dort bummelte im Sommer 1933 der junge Lehrer Walenty Szwajcer am Ufer entlang. Kann gut sein, dass er nicht der Erste war, dem die merkwürdigen Holzpfosten auffielen, die aus dem Wasser ragten, nachdem der Wasserspiegel mit der Zeit gesunken war. Aber er war der Erste, der die richtigen Schlüsse zog und vermutete, es könnten Überreste einer vorgeschichtlichen Siedlung sein.

Jedenfalls gab er seine Beobachtungen an das für Ur- und Frühgeschichte zuständige Museum in Poznan (Posen) weiter. Und die Archäologen dort nahmen den jungen Lehrer sofort ernst. Nachdem sie sich am Biskupiner See selbst umgeschaut hatten, begannen bald die Ausgrabungen. Und was dabei zutage kam, begeisterte die Wissenschaft und auch die Öffentlichkeit: eine Burganlage aus der frühen Eisenzeit - rund 2700 Jahre alt - und riesengroß. Die Archäologen legten bei ihren Grabungen eine Fläche von 2 Hektar frei. Das gesamte Gelände des Freilichtmuseums ist heute 24 Hektar groß.

Die Entdeckung galt als Sensation: Das "Pompeji Polens" wurde Biskupin bald genannt, nach der antiken Stadt in der Nähe von Neapel, die beim Ausbruch des Vesuvs zerstört und erst viele Jahrhunderte später wieder entdeckt wurde.

___

Von Wasser umgeben

___

Ursprünglich war die Anlage am Biskupiner See in der heutigen Wojwodschaft Kujawien-Pommern von einem mehr als 450 Meter langen und 6 Meter hohen Schutzwall umgeben. Er bestand nicht einfach aus Holzpalisaden, es war ein ausgeklügeltes mehrreihiges Abwehrsystem. Die Burganlage war von Wasser umgeben und so ideal geschützt.

In der Eisenzeit gab es nur einen einzigen Zugang: Wer in die Burg wollte, musste auf einem Holzsteg durch das 9 Meter hohe Tor gehen - oder es über den Wall schaffen, was schwierig gewesen sein dürfte. Der Schutzwall ist rekonstruiert worden, und auch das Tor, das an ein Westernfort erinnert, steht wieder - nur das heute Touristen entspannt zwischen den Holzmauern hindurchlaufen und nicht mehr mit gefährlichen Angreifern zu rechnen ist, vor denen die Menschen der Eisenzeit Angst hatten.

Die Siedlung dahinter muss in ihrer Zeit einzigartig gewesen sein: Bis zu 1000 Menschen haben dort gleichzeitig gelebt, in großen Häusern, die im Prinzip alle den gleichen Grundriss und eine Fläche von 70 bis 90 Quadratmetern hatten. Die Holzhäuser standen parallel zueinander, die Wege dazwischen waren mit Bohlen ausgelegt.

Jedes Haus hatte einen Vorraum und einen Hauptraum mit einem Herd aus Stein. Das Holz der Eichen, das zum Bau der Häuser genutzt wurde, haben die Archäologen genau untersucht und festgestellt, wann die Bäume gefällt wurden: zwischen 747 und 722 vor Christus.

In den rekonstruierten Häusern der Eisenzeit dürfen sich die Besucher der Neuzeit ausgiebig umgucken - auch wenn es oft etwas dunkel ist - Beleuchtung war damals noch ein Problem. In vielen Häusern gibt es trotzdem regelmäßig Vorführungen, etwa dazu, welche Kleidung Menschen der Eisenzeit trugen und wie sie hergestellt wurde. In einem der anderen Häuser wird getöpfert, im Nachbarhaus Schmuck hergestellt.

Viele Besucher kommen allerdings nicht nur wegen des Geschichtsunterrichts der etwas anderen Art. Das Archäologische Museum ist auch deshalb so beliebt, weil das Freizeitangebot den Interessen von Kindern und Jugendlichen entgegenkommt, die nicht Historiker werden wollen: Da stehen massive Tische auf dem Rasen, an denen gepicknickt werden kann. Da gibt es Schachfiguren und ein hölzernes Brett, das fast immer genutzt wird.

___

Schmied schwingt Hammer

___

Da sind eisenzeitlich gekleidete Museumsmitarbeiter, die Kinder auf zwei Pferden übers Gelände traben lassen. Jugendliche stolpern mehr oder weniger erfolgeich auf Stelzen vorwärts. Und beliebt bei den noch jüngeren Besuchern ist nicht zuletzt das Hantieren mit Pfeil und Bogen. Geschossen wird allerdings auf eine Zielscheibe, nicht auf menschliche Gegner. Die Zeiten sind zum Glück vorbei.

Eine Attraktion sind immer auch die regelmäßigen Vorführungen in dem frühmittelalterlichen Dorf, der letzten Siedlung in Biskupin: Dort schwingt ein Schmied den Hammer. Ein Bäcker zeigt, wie Brot gebacken wird. Ein Holzschnitzer fertigt einfache Flöten. Und ein paar einigermaßen gut gebaute Kerle lassen die Muskeln spielen und treten beim Tauziehen gegeneinander an - auch immer ein Vergnügen für alle Beteiligten, vielleicht schon seit der Eisenzeit.

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.