21.09.2012 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Oberpfälzer Bauerngärten und ihre Geschichte Kreuz, Birnbaum und Hollerstauden

Als "Grasgarten" war der große, u-förmige Garten bei der Schmiede im Urkataster von 1852 verzeichnet.
von Rudolf BarroisProfil

Gärten sind wesentliche Elemente von Kulturlandschaften. Zweck und Aussehen haben sich verändert so wie sich die Menschen und die Gesellschaft verändert haben. In der Oberpfalz haben vor allem die Bauerngärten eine große Bedeutung. Heute sind die ehemaligen Pflanzstückeln zu hausnahen Erholungsräumen geworden. Das war nicht immer so. Das Freilandmuseum Neusath-Perschen hat sich auch diesem Teil oberpfälzischer Kulturgeschichte gewidmet und jetzt mit dem Buch- und Kunstverlag Oberpfalz einen Bildband herausgebracht, der die lange Geschichte des Bauerngartens dokumentiert.

Die Autorin des Bandes, die Historikerin Bettina Kraus, ist selbst auf einem Bauernhof im Stiftland aufgewachsen. In Neusath-Perschen hat sie die besten Grundlagen für ihre ausführliche Recherche gefunden. Sie räumt in ihrem Buch "Kreuz, Birnbaum und Hollerstauern" auf mit dem weit verbreiteten Bild von der Idylle pur. Denn die Bauerngärten waren in der Vergangenheit nichts anderes als wesentlicher Teil der bäuerlichen Selbstversorgung Sie waren rein praktisch angelegt. Gartenarbeit war nicht etwa Freizeitvergnügen, sondern neben harter Arbeit in Haus und Feld, sondern ein harter Job.

Die Geschichte des Pflanzgartens, in dem neben Gemüse auch Gewürz- und Heilkräuter gezogen wurden, beginnt bereits 827 n. Chr., als der Mönch Walahfrid Strabo sein "Liber de cultura hortorum" (Von der Pflege der Gärten schrieb. Er tat dies wahrscheinlich im Auftrag Karls des Großen, der ganz offiziell über 70 Kräuter in die Liste der notwendig anzupflanzenden Dinge aufnahm. Seinem Ruf folgten im übrigen nicht nur die Bauern, sondern auch die Ritter in ihren Burgen. Noch heute erkennen Wissenschaftler den Standort einer Burg auch daran, welche Pflanzen um ihren vermuteten Standort wachsen. Denn: Die Gebäude und ihre Spuren sind verschwunden, die früheren Nutzpflanzen sind erhalten geblieben.

In Neusath-Perschen nun hat die Autorin, gelernter Magister in Geschichte und Volkskunde, alles gefunden, was sie braucht: Neben den Gärten die Museumsbäuerinnen, die sie pflegen und erhalten und unter anderem auch dafür sorgen, dass alte Rezepte und Bräuche, die das Buch anreichern, nicht vergessen werden. Unsentimental, aber mit wissenschaftlichem Ernst und viel Liebe zur Heimat reihen sich Seite auf Seite die historischen Fakten zusammen mit Lebensbildern aus der so genanten guten alten Zeit, die für die Leute damals hartes Brotverdienen brachte.
Da geht es dann auch um volksmedizinische Praktiken in der Oberpfalz, die teilweise eine Tradition haben, die bis in die Vor- und Frühgeschichte zurückreicht. Bettina Kraus beschäftigt sich auch mit der Mädchenbildung auf dem Lande, Wanderlehrerinnen, die von Hof zu Hof zogen und die jungen Leute unterwiesen bis die ersten Landschaftsschulen gegründet wurden. Alte Obstbaumsorten werden vorgestellt. In Neusath-Perschen wachsen sie noch und schon wieder. Vom Tabakanbau in schlechten Zeiten ist die Rede und natürlich von der Rolle der Frauen auf den Höfen. Sie hielten mühsam oft zusammen, was der Hof erbrachte, trugen die Hauptverantwortung für die nachfolgende Generation.

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Magerer Boden

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Stars in dem neuen Bildband sind die vielen Gewächse, die nicht nur zur Ernährung sondern auch zur Gesunderhaltung der Bevölkerung dienten. In der Oberpfalz war das besonders wichtig, weil die landwirtschaftliche Grundstruktur auf einem häufig mageren Boden entscheidend war für die Landesentwicklung. Deshalb vor allem machte sich wohl Franz Xaver Schönwerth, Erster Sekretär von Maximilian II, und Brauchtumsforscher ersten Ranges seine Gedanken zu den Bauerngärten und deren Veränderung.
Das vorläufige Aus für die Bauerngärten kam wohl, als die Lebensmittelindustrie den Anschein erweckte, dass die alte Form der Selbstversorgung nicht mehr zeitgemäß sei und die Arbeit in keinem Verhältnis stehe zum Aufwand.

Bettina Kraus geht den Ursachen dafür nach, warum von der langen Liste Karls des Großen nach und nach die meisten Produkte verschwanden, sich die Menschen auch auf dem Land aus wenige Grundnahrungsmittel konzentrierten. Der Umstand, dass es eines Museums bedarf, um das da und dort noch vorhandene zu retten und zu kultivieren, fordert die Erinnerung an das Gewesene, an die Wurzeln im wahrsten Sinn des Wortes geradezu heraus.

Da und dort zeigt sich freilich eine Trendwende, nicht zuletzt deshalb weil alte Kulturpflanzen wieder geschätzt und neu entdeckt werden. Es hat etwas zu tun mit der Beschäftigung mit Heimatgeschichte, mit Rückbesinnung auf Volksgesundheit aus der Natur.

Was Bettina Kraus hier alles aufzählt, beschreibt, ist von erstaunlicher Fülle. Günther Moser, der sich dem Freilandmuseum schon immer verbunden fühlte, hat die Gärten, die dem Leser vorgestellt werden, in exzellenten Bildern festgehalten, die Gärten des Museums dabei durch die Jahreszeiten beobachtet. Historische Aufnahmen lieferten große Archive in nüchternem Schwarz-Weiß.
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Praktische Sache

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Der Fortschritt hat auch mehr Farbe in die Bauerngärten gebracht, auf die offensichtlich auch die nicht verzichten wollen, die sich den rasanten technischen Fortschritt auf den Hof geholt haben. Wer jedoch ganz genau wissen will, wie's einmal war, der findet in dem Band "Kreuz, Birnbaum und Hollerstauern" einen sorgsam recherchierten Leitfaden und eine ganze Anregungen zum Lernen und Nachmachen. Den Gartenarbeit ist immer eine praktische Sache gewesen, in Zeiten, die wir die guten alten nennen und heutzutage, wo man sich wieder auf die Geschenke der Natur besinnt.

Im übrigen kann alles, wovon Bettina Kraus auf 128 Seiten schreibt und was Günther Moser in 150 wunderbaren Motiven festgehalten hat, an Ort und Stelle ansehen, im Freilandmuseum Neusath-Perschen.

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