Organisatorische Basis

Da gehts aber "zünftig" zu. Wer diesen Satz hört, denkt eher an eine herzhafte Brotzeit oder an bierdümpfelnde Volksfeste. Dort, wo ausgelassen gefeiert wird oder eine Kapelle für schwungvolle Blasmusik sorgt, geht es zünftig zu. Wer sich allerdings den Zünften nähern will, muss seinen traditionellen Wortschatz erweitern. Die Handwerker, die seit dem Mittelalter derart organisiert waren, haben sicher auch gerne gefeiert. In erster Linie dienten die Zusammenschlüsse jedoch als Arbeits- und Alltagshilfe. Zünfte regelten die gesamte Lebenswelt ihrer Mitglieder - von der Lehre bis zum letzten Gang.

"Übung macht den Meister", "Lehrjahre sind keine Herrenjahre" oder "Jemandem das Handwerk legen" - Redewendungen wie diese sind fester Bestandteil unserer Sprache. Sie zeigen, dass das Handwerk schon immer zu den tragenden wirtschaftlichen Säulen zählte. Bis zum beginnenden 19. Jahrhundert stammte nahezu alles, was die Bevölkerung zur Lebensbewältigung nicht selbst herstellen konnte, aus der Hand des Handwerkers: Behausung, Einrichtung, Nahrung, Kleidung und Werkzeuge.
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Die Zünfte bildeten die organisatorische Basis des Handwerks. Sie schufen einheitliche Rahmenbedingungen in der Produktion. Sie regelten, was Lehrling, Geselle oder Meister tun durften und mussten. Sie kontrollierten die Qualität der Waren, hatten Teil an öffentlichen Aufgaben wie der Brandbekämpfung und der Stadtverteidigung. Mit dem Eintritt in die Zunft ging ein Handwerker ein lebenslanges Verhältnis ein, er lebte in ihr und mit ihr. Die innige Verbindung fand erst ihr Ende, wenn er von seinen Zunftgenossen mit großem Gepränge zu Grabe getragen wurde. Zentrum jeder Zunft war die Herberge - Versammlungsort und Anlaufstation für die wandernden Gesellen. Hier fanden die Zusammenkünfte statt, die nach festem Zeremoniell abliefen und deren Regeln uns heute mitunter geheimnisvoll anmuten. Hier stand die Lade, in der das für Zunft und Handwerk bedeutende Schriftgut aufbewahrt wurde. In der Herberge wurden ebenso die Tafeln mit Namen und Porträts von Meistern, aber auch Schenkkannen und Willkommpokale aufbewahrt, die als Requisiten für Freisprechung oder Zechen dienten. Diese Objekte überlebten die Auflösung der Zünfte und zeugen heute von deren Bräuchen.
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Herausragende Objekte

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Das Germanische Nationalmuseum verfügt über eine der größten und qualitätsvollsten Sammlungen zur Handwerks- und Zunftgeschichte im deutschen Sprachraum. Zum ersten Mal werden bei der großen Sonderausstellung mit dem Titel "Zünftig! Geheimnisvolles Handwerk 1500 - 1800" bis 7. Juli 260 herausragende Objekte zum Thema präsentiert. Es handelt sich dabei um die größte Zunft-Ausstellung seit 1927 und um die erste Überblicksschau zum Zunft- und Handwerkerwesen überhaupt. "Seit fünf Jahren forschen wir zu diesem Bereich", erklärt Georg Ulrich Großmann. Es sei auch deshalb wichtig, diese Ausstellung zu machen, "weil man jetzt noch mit Zeitzeugen reden kann", fügt der Generaldirektor hinzu.

Die Präsentation gliedert sich in fünf Themenbereiche. Nach einer Einführung zur Bedeutung des Handwerks vor der industriellen Revolution widmet sich der erste Bereich der grundlegenden Frage: "Was ist Zunft?" Dargestellt wird, welche Merkmale die Zünfte charakterisieren und welche regionalen Unterschiede es gab. Die zweite Sektion nimmt den idealtypischen Lebensweg und Lebensraum des Handwerkers in den Blick. Die weiteren Stationen beschäftigen sich mit Versammlungsorten und Zunft-Requisiten, aber auch mit ihren zentralen Aufgaben innerhalb einer Stadtgemeinschaft. Zünfte sammelten zum Beispiel Spenden für karitative und soziale Zwecke.
Eine interaktive Station am Ende des Rundgangs geht abschließend der Frage nach, was von ihr geblieben ist. Obwohl die Zünfte seit rund 150 Jahren abgeschafft sind, hat das Zunftwesen Wirkungen bis in die Gegenwart hinein. In Vereinen, Krankenkassen, Genossenschaften, Gewerkschaften und Innungen lassen sich Spuren finden. Brauchtumsreste bei öffentlichen Festen und wandernde Gesellen, die das Straßenbild beleben, erinnern an die alten Traditionen. Klar, dass dabei - genauso wie früher - kräftig oder besser gesagt noch immer recht zünftig gefeiert wird.
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