Peter Tamme erzählt in seiner Geschichte über den Zeitvertreib in seinen Ferien
"Die Zügezähler"

In den ersten Nachkriegsjahren konnten sich nur die wenigsten Eltern eine Urlaubsreise mit der ganzen Familie leisten. Deshalb war ich froh, dass ich mit Freund Hans zum zweiten Mal die großen Ferien bei meinen Großeltern verbringen durfte. Die Anreise absolvierten wir mit unseren Fahrrädern, gut gelaunt trotz Gegenwind.

Bei der Begrüßung setzte uns meine Großmutter ihren großartigen Mohn-Streusel-Kuchen vor, während Großvater uns in seiner Schneiderwerkstatt auf einer riesigen Tischplatte thronend im Schneidersitz empfing. Ich hatte ihn in mein kindliches Herz geschlossen, weil er an Regentagen so wunderbare Geschichten erzählen konnte. Für jeden meiner Streiche hatte er Verständnis - im Gegensatz zu Oma.

___

Wetten um die Ehre

___

Hauptziel unserer Ferientage war der nahe Bahndamm der Fernstrecke Bremen-Ruhrgebiet. Ganz in seiner Nähe gab es ein Waldstück mit Blau- und Preiselbeeren. Direkt an der Bahnlinie fanden wir Sauerampfer, Johannisbrot und Hirtentäschelkraut zum Knabbern. Uns faszinierten die Personen- und Güterzüge, die scheinbar pausenlos auf dieser vielbefahrenen Strecke an uns vorbeirasten. Weil die Bahn damals noch pünktlich war, wussten wir bald, welche Eil- und Schnellzüge zu welcher Uhrzeit unseren Beobachtungsposten passieren würden.

Anfangs notierten wir die Zahl der Züge und hielten die Anzahl der Waggons fest. Doch dann kam der eigentliche Clou: Wir schlossen Wetten ab, ob in der nächsten Stunde mehr Güterzüge ins Ruhrgebiet oder nach Bremen fahren würden. Da wir nur ein geringes Taschengeld hatten, ging es bei unseren Wetten nur um die Ehre.

Ab und zu übersahen wir einen Zug, weil wir darüber sprachen, wie wir auf den in der Sonne schimmernden Gleisen weite Reisen in unbekannte Gegenden und Länder machen könnten. Jedes Mal, wenn ein Zug am Horizont unseren Blicken entschwand, war uns klar, dass es nach den Ferien wieder in unser kleines Heidedorf zurückgehen würde. Doch nachts träumten wir beide oft von aufregenden Reise-Abenteuern, die wir uns beim Frühstück erzählten.

Dann kam der Sonntag, an dem meine Patentante mich zu einer Schiffsfahrt zum Roten-Sand-Leuchtturm einlud - ohne Hans. Doch der war gar nicht böse, denn er wollte einmal die von der hiesigen Dorfjugend angepriesene Kiesgrube kennenlernen. Als ich abends zurückkehrte, empfing mich Hans fröhlich mit einem leichten Sonnenbrand. Doch als er am Montag auf den Bahndamm verzichtete und wieder zur Kiesgrube fuhr, gingen meine Vermutungen in eine bestimmte Richtung. Leider hatte ich recht.

Zur Mittagszeit kam Hans zu mir geradelt. Auf der Stange seines Fahrrades saß Gerlinde, ein junges Mädchen, das sich ihr Hinterteil rieb und gespielt vorwurfsvoll stöhnte: "Ich fahre doch lieber mit meinem Rad. Dessen Sattel ist nicht so hart wie deine Fahrradstange." Da lachte ich: "Dann musst du dich aber nicht mehr an Hans festhalten."

Die beiden blieben nicht lange. Aber es reichte, um zu ahnen, dass sich mein Freund während der restlichen Ferien innerlich auf anderen Gleisen bewegen würde als auf Eisenbahnschienen. Abends schwärmte er mir von Gerlinde vor und morgens erzählte er nichts mehr von Reiseträumen. Auf der Heimfahrt ins Heidedorf fuhr er so, als ob er ständig Rückenwind habe. Bei einer Pause verriet er mir seine Zukunftspläne mit Gerlinde - unter dem Siegel der Verschwiegenheit.

___

Radweg statt Gleise

___

Inzwischen sind wir alt und haben beide Enkelkinder. Ich habe im Laufe meines Lebens etliche "Sandkistenehen" kennengelernt. Aber bei Hans und Gerlinde war es sozusagen der Sprung vom Bahndamm in die Kiesgrube. Wir sind gute Freunde geblieben, auch wenn wir ganz verschiedene Hobbys haben. Hans fährt seine Gerlinde zu Hunde-Wettbewerben, bei denen sie als Preisrichterin agiert.

Und ich angle in unserem See - natürlich ganz dicht neben einer Bahnlinie. Die Fische beißen gut, denn die Strecke ist stillgelegt. Demnächst wollen sie die Gleise entfernen und einen Radweg bauen. Etwas zu spät.

___

Die Kurzgeschichte von Peter Tamme findet sich in dem Buch "Gute Zeit für die Seele. Ermutigende Geschichten" (St.- Benno-Verlag, 96 Seiten, 6,95 Euro).
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.