09.08.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Tausendfacher Tod auf dem Hartmannsweiler Kopf und dem Lingekopf Menschenfresser-Berge

Auf dem "Bayernfriedhof" in Ste. Marie-aux-Mines liegen 1036 Tote des Ersten und 136 Gefallene des Zweiten Weltkrieges. Die Landwehr-Brigade 26 baute diesen Friedhof mit einem gigantischen Granitkreuz aus. 1920 hat Frankreich hier Opfer aus der umliegenden Gegend zugebettet. Die Anlage, die ein von Linden und Sträuchern gesäumter Bachlauf durchzieht, gehört zu den eindrucksvollsten in ganz Europa. Bilder: Klemm
von Autor KMProfil

Die Vogesen mit ihren tief eingeschnittenen Tälern und den knapp tausend Meter hohen Bergrücken bilden eine natürliche Barriere am linken Rheinufer, das Gegenstück zum Schwarzwald auf deutscher Seite. Das Elsass liegt hier, gerühmt wegen seiner guten Weine und seiner herzhaften Küche, seiner verträumten Dörfer, seiner prächtigen Städte wie Colmar oder Straßburg. Gerade in Straßburg hat sich der alte Kontinent ein Zentrum friedlichen Zusammenlebens geschaffen. Hier tagen Europarat, das EU-Parlament, hier wacht der europäische Gerichtshof über die Menschenrechte, hier sitzt das Eurokorps.

Friedlich ging es im Elsass nicht immer zu. Drei große Kriege erlebte der Landstrich. 1870/71 den deutsch-französischen Waffengang, der zur Reichsgründung unter Kaiser Wilhelm I. führte und schon den Keim legte für das nächste mörderische Ringen 1914/1918, den Ersten Weltkrieg. Der wiederum gilt als die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" und löste das nächste und noch schlimmere Unheil aus, das 1939 anbrach.

Wer nach Ursachen für die "Erbfeindschaft" zwischen Deutschen und Franzosen sucht, muss noch weitere Jahrhunderte zurückblicken. 1648, mit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, eignete sich "Sonnenkönig" Ludwig XIV. das damals zum Habsburger Reich gehörende Elsass samt seiner freien Reichsstädte an. Die Befreiungskriege gegen Napoleon Bonaparte, die mit der Schlacht bei Waterloo 1815 ihr Ende fanden, führten zur Abtretung von Saarlouis und Saarbrücken an Preußen.

Großmachtdenken und aufkeimender Nationalismus mündeten in den Konflikt 1870/71 und der Annexion Elsass-Lothringens durch die deutsche Seite. 128 000 Elsässer wanderten nach Frankreich aus. Nach dem Vertrag von Versailles 1919 setzte die Gegenbewegung ein: 110 000 Einwohner wurden ausgewiesen oder zogen auf die rechte Rheinseite. Mit Hitlers Westfeldzug fiel das Elsass 1940 wieder an das Deutsche Reich. Stramme NS-Umerziehungszeit folgte, die Jugend wurde zur Wehrmacht eingezogen, Arbeitskräfte zwangsrekrutiert, Widerstand rigoros verfolgt. Das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof südwestlich von Straßburg belegten zwischen 1941 und 1944 etwa 52 000 Häftlinge aus ganz Europa. Sie sollten - Parallele zu Flossenbürg - Granit für die gigantischen NS-Bauvorhaben brechen. 22 000 starben an Krankheiten, Kälte, Mangelernährung oder wurden ermordet.

Die Erbfeindschaft zwischen Deutschen und Franzosen ist Geschichte. De Gaulle und Adenauer, Kohl und Mitterrand, in diesen Tagen auch Staatspräsident Francois Hollande und Bundespräsident Joachim Gauck haben mit festem Händedruck die Aussöhnung bekräftigt, exakt 100 Jahre nach Ausbruch des ersten großen Krieges.

Für diese symbolträchtige Begegnung wählten sie den Hartmannsweiler Kopf. Auf diesem Bergrücken am südlichsten Punkt der Vogesen, von dem aus die Rhein-Ebene zu kontrollieren war, liefern sich beide Seiten schwerste Kämpfe. Mehrfach wechseln Angriff, Abwehr und Gegenangriff, bis am 8. Januar 1916 die Front erstarrt. 30 000 Gefallene auf beiden Seiten sind zu beklagen. Die Krypta auf dem Hartmannsweiler Kopf birgt die Gebeine von 12 000 unbekannten Toten, weitere Opfer ruhen auf Soldatenfriedhöfen im Umland. "Menschenfresser-Berg" nannte man diese Kuppe deshalb.

100 Jahre später ist er zur Begegnungsstätte geworden. Soldaten- und Reservistenverbände, Besuchergruppen, die der Landesverband Bayern des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge organisiert hatte, Jugendliche aus beiden Nationen gedachten der Toten und erinnerten sich an den Satz, den der 1875 im Elsass geborene Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer geprägt hat: "Soldatengräber sind die großen Prediger des Friedens". Ähnlich unmenschliches Ringen hat sich auf dem Lingekopf zugetragen, nur wenige Kilometer weiter nördlich. Die 6. Landwehr-Division aus Bayern hat diesen Gebirgsstock im Februar 1915 besetzt und mit einem Netz aus Laufgräben, Unterständen und Maschinengewehr-Stellungen überzogen. Dennoch gelingt den Franzosen, sich ebenfalls auf dem Berg festzusetzen. Man liegt sich auf Handgranaten-Wurfweite gegenüber, Gas kommt zum Einsatz, auch Flammenwerfer. Geländegewinne von 20 oder 30 Metern werden als Sieg verbucht.

Knochenfunde bis heute

Die Stellungen sind heute noch zu besichtigen, weiße und schwarze Kreuze weisen auf Gebeinfunde in jüngster Zeit hin. Frankreich gibt die Verluste dort mit 30 000 an, zwei bayerische Divisionen verloren in nur drei Monaten knapp 11 000 Mann. Ein Museum zeigt Ausrüstung, Waffen und Uniformen. Fotos mit zerfetzten Baumstämmen zeugen von den heftigen Artillerieduellen um den Lingekopf.

Bei den Kämpfen 1870/71 verloren 80 000 Franzosen und 40 000 Deutsche ihr Leben, die Kriegsmaschinerie 1914 bis 1918 vernichtete 10 Millionen Menschenleben, der Zweite Weltkrieg 60 Millionen.

Dieser Wahnsinn lässt sich nicht in Worte fassen. Karl Klein, Pfarrer von Fröschweiler, der mit seiner Gemeinde zum Begräbnisdienst beordert wurde, hat 1871 ein Schlachtfeld beschrieben: "Da liegen bunt durcheinander zerbrochene Wagen, Gewehre, Bajonette, Säbel, zerrissene, blutige Kleider, Zelte, Tornister, Gebetbücher, Photographien, tote, halb aufgezehrte Schlachttiere, verschüttete Speisen, Kochgeschirr, Fässer, Säcke, kurz alles, was ein Heer haben und verlieren kann. Da liegen einzeln und haufenweise die toten, bereits hoch aufgeschwollenen Pferde jener unglücklichen Kürassiere, die bei Elsasshausen und Morsbrunn so vergeblich geopfert wurden. Da liegen die Söhne beider Nationen scharenweise .... Mann an Mann, auch Hand in Hand, mit geschlossenen oder starr offenen Augen, mit gebrochenem Herzen - dahingemäht in der Kraft und Blüte des Lebens".

Reservisten aus der Heimat

Wer auf einer Karte des Elsass all die Denkmale und Friedhöfe aus drei Kriegen markieren wollte, der müsste bei Niederbronn ein Ausrufezeichen setzen. 15 472 deutsche Soldaten ruhen hier. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat nebenan eine seiner vier internationalen Jugendbegegnungsstätten eingerichtet. Benannt ist sie nach Albert Schweitzer, geleitet wird sie von Bernard Klein, einem Franzosen mit saarländischen Wurzeln, der als Historiker versucht, aus der schieren Masse der Toten den Einzelschicksalen nachzuforschen (siehe Info-Kasten).

5000 Besucher zählt die Anlage jedes Jahr. Anfang August trafen sich 41 Jugendliche aus sieben Ländern hier zur europäischen Friedensarbeit. Die verrichtete zur selben Zeit auch eine Gruppe Reservisten aus der Oberpfalz. Unter Leitung von Norbert Bücherl, Bürgermeister von Freihung (Landkreis Amberg-Sulzbach) tauschte die Gruppe die abgewitterten Grabsteine gegen neue aus.

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