12.07.2008 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Ungewöhnliche Form

von Susanne WolkeProfil

Totgeglaubte leben länger. Als die Ruthof 1944 in Ungarn auf eine Miene in der Donau lief, schien ihr Schicksal besiegelt. Es war Krieg, und es gab wichtigere Dinge zu bergen als ein Schlepperschiff. Keiner konnte damals ahnen, dass rund 40 Jahre später ein eigens gegründeter Verein tausende von Stunden in die Sanierung des Wracks stecken würde. Und dass die Ruthof schließlich als einziges schwimmendes Museum weit und breit in Regensburg vor Anker liegen würde.

Doch die Zeiten ändern sich. "Vor ein paar Wochen hatten wir 25-jähriges Jubiläum", sagt Rainer Ehm. Ehm ist Museumsleiter des "Donau-Schiffahrts-Museums Regensburg" - mit nur zwei "f" wohlgemerkt. Der Eigenname würde sonst ebenso sehr unter der Rechtschreibreform leiden wie die Flussschifffahrt selbst. Genau die wird nämlich auf der Ruthof heute präsentiert. Und das in ungewöhnlicher Form. Denn es gibt hier nicht nur Modelle zur Geschichte des Schiffbaus - "die hölzernen Schiffe auf der Donau sahen im Mittelalter nicht anders aus als zu Beginn des 20. Jahrhunderts", so Ehm, "und manche Einwegschiffe wurden am Ankunftsort komplett als Brennholz verkauft". Die eigentliche Attraktion ist das Museum selbst.
Denn wo könnte die Donau-Schifffahrt besser verdeutlicht werden als auf einem Schlepper, der bis in die 1970-er Jahre noch in Betrieb war? Zwischen dem Kriegsunglück und der Einweihung des Museums hatte die Ruthof nämlich noch etliche Jahre aktiven Dienst zu leisten: Nachdem es zwölf Jahre lang auf dem Grund der Donau gelegen war, wurde das Schiff gehoben und wieder in Betrieb gesetzt. Unter ungarischer Flagge, wodurch zumindest folgende Hoffnung des Taufspruchs für immer versunken schien: "Halt" deine Flagge hoch und hehr / Denk immerfort an Deutschlands Ehr" / Auf allen deinen Wegen!"

Doch die Deutschen hielten ihrer Ruthof die Treue. Als der Schlepper 1979 in Ungarn ausgemustert wurde, heruntergewirtschaftet zum Wrack, rettete ihn der "Arbeitskreis Schiffahrtsmuseum Regensburg e.V." vor der Verschrottung. Der Verein kaufte das Schiff und baute es fast vier Jahre lang um. Immerhin stammt die Ruthof ursprünglich aus Regensburg: In der Stadt, die lange als Endhafen der Donau-Schifffahrt diente, wurde 1913 die Lloyd AG gegründet, die größte deutsche Donau-Reederei. In der Christof Ruthof Werft ging die "Ruthof" 1923 als eines von zehn neuen Zugschiffen vom Stapel.
Heute gibt die Ruthof ihren Besuchern Einblick in die ehemalige Donau-Schifffahrt. Ein Rundgang durch das schwimmende Museum führt durch die engen Mannschaftsunterkünfte und durch die Küche, die stets unter dem Regiment einer Frau stand. Zu sehen sind Alltagsgegenstände der Flussschifffahrt: ein Wischmob mit so langen Schnüren, dass man das Putzwasser direkt aus der Donau holen konnte, ein Filter aus Bimsstein, der das Flusswasser in Trinkwasser verwandelte, und ein Essensbehälter aus Metall, der die Verpflegung durchs Wasser zu den folgenden Schiffen transportierte.

Bis zu 30 Lastschiffe

Schließlich waren es bis zu 30 Lastschiffe, voll beladen mit Senf, Koks oder Soja, die der Schlepper gemäß seinem Namen zu schleppen hatte. Auf der Ruthof selbst wurde keine Ware transportiert. "Das Schiff ist eine einzige Maschine", sagt Rainer Ehm. Den größten Teil nehmen die technischen Räume ein. Die Kessel und Dampfmaschinen verströmten dort einst starke Hitze und den Geruch von Kohle und Öl, um auf ihre 1200 PS zu kommen. Den mittlerweile angenehm kühlen Räumen mangelt es zum Leidwesen Rainer Ehms etwas an Authentizität.
Doch letztendlich kommt es den Museumsbetreibern nicht darauf an, nur die Technik zu präsentieren. Es geht auch um die Alltagskultur rund um die Donau-Schifffahrt. Aus diesem Grund plant der Arbeitskreis seit längerem eine "landseitige Ausdehnung". Auf festem Boden soll ein Gebäude mit Exponaten ausgestattet werden, die auf der Ruthof aus konservatorischen Gründen nicht gezeigt werden können: Briefe, Dokumente oder die umfangreiche Bibliothek des "Arbeitskreises Schiffahrtsmuseum".

Seit seiner Eröffnung im Jahre 1983 hat sich das Museum immer mehr vergrößert. Zum Inventar gehören unter anderem die Freudenau, eines der letzten Motorzugschiffe der Donau, sowie zwei Stücke eines Betonschiffs in einem Freigelände bei der Königlichen Villa - "das halten die meisten für Bauschutt, weil sie nicht wissen, dass Stein schwimmen kann", beschwert sich Ehm. Auch das Brückenturm-Museum wird mitverwaltet.

Für ihre Arbeit erhielten die Betreiber des Donau-Schiffahrts-Museums die Bayerische Denkmalsmedaille. "Die traditionellen Bauformen der Schiffe sind mittlerweile verschwunden", erklärt Rainer Ehm. "Auch die Schlepperschifffahrt wurde vor etwa zehn Jahren abgeschafft." Heute werden die containerartigen Transportbehälter geschoben. Doch trotz allem: "Die Binnenschifffahrt ist mittlerweile wieder im Kommen", berichtet Ehm. Immerhin sei dies die umweltfreundlichste Transportmethode: "Jedes Schiff spart etwa 200 Lkws."

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