07.04.2012 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Unmittelbar vor Kriegsende sterben im April 1945 Tausende von KZ-Häftlingen auf den ... Reise ohne Wiederkehr

In der Endphase des Zweiten Weltkriegs wurden KZ-Häftlinge in Bayern Richtung Dachau getrieben. Wer zu erschöpft war zum Marschieren, wurde getötet. Insgesamt dürften es etwa 7000 Häftlinge gewesen sein, die die Todesmärsche aus Flossenbürg und dessen Nebenlagern nicht überlebten. Repro: Dobler
von Thomas Dobler, M.A. Kontakt Profil

Am 23. April 1945 erreichten Einheiten der 90. US-Infanteriedivision das KZ Flossenbürg. Der Anblick der halbtoten und toten Häftlinge schockte die Soldaten. Dabei war das Lager fast leer. Denn die SS hatte bereits über 15 000 Häftlinge Richtung Süden getrieben. Lediglich Todkranke waren zurückgelassen worden.

Mit den später so genannten Todesmärschen von KZ-Häftlingen verfolgten die SS-Wachmannschaften in der Endphase des Zweiten Weltkriegs zwei Ziele: Sie entzogen die Beweise ihrer Verbrechen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern den heranrückenden alliierten Truppen durch die Beseitigung der Opfer und versuchten zumindest zum Teil, die Arbeitskraft der Häftlinge für andere Lager zu erhalten.

Durch diese Endphaseverbrechen kam von den 1944 registrierten 714 000 KZ-Häftlingen wahrscheinlich mindestens ein Drittel ums Leben. Häufig wurden nicht marschfähige Häftlinge in großer Zahl erschossen. Lagerteile der KZ wurden von der SS vor dem Abmarsch in Brand gesetzt. Auch das KZ Flossenbürg und seine zugehörigen Außenlager waren damals rücksichtslos evakuiert worden.

Der Weg der Häftlinge durch die Oberpfalz war von Leichen gesäumt, die Toten oft nur notdürftig am Wegesrand verscharrt. Insgesamt dürften es etwa 7000 Häftlinge gewesen sein, die die Todesmärsche aus Flossenbürg und dessen Nebenlagern nicht überlebten. Nach Kriegsende sorgten alliierte und deutsche Behörden vielfach für die Exhumierung und würdevolle Bestattung der Toten. Es entstanden Friedhofsanlagen, Grabzeichen und Denkmäler, die den Opfern ein ehrendes Gedenken bewahren sollten.

Darüber hinaus zeugen diese Stätten heute von den Anfängen der Erinnerungskultur in einer Zeit, in der das Grauen der Verbrechen überall noch lebendig vor Augen stand. Zwischenzeitlich gibt es eine Dokumentation der KZ-Friedhöfe und Gedenkstätten in Bayern mit dem Titel "Wenn das neue Geschlecht erkennt, was das alte verschuldet ..." (Verlag Schnell und Steiner).

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14 Grab- und Gedenkstätten

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Sie basiert auf umfassenden Recherchen, die im Auftrag der für die Pflege zuständigen Bayerischen Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen unternommen wurden. Das Werk ist mit zahlreichen Fotografien und topografischen Karten ausgestattet. Dem Hauptteil zu den einzelnen Gedenkorten steht ein einleitender Aufsatz zu den Todesmärschen und -transporten in Bayern voran. Der Band schließt mit Listen der an den Orten begrabenen Personen, einer Bibliographie und einem Namensregister.
Allein 14 Grab- und Gedenkstätten sind für die Oberpfalz aufgelistet. Eine davon ist die KZ-Grabstätte auf dem städtischen Friedhof in Weiden. Um sie zu finden, muss man auf dem Hauptweg hinter dem Leichenhaus nach den Soldatengräbern links in den Weg abbiegen. Nach Kriegsende hielten sich über 1000 befreite ehemalige Häftlinge aus dem nahe gelegenen KZ Flossenbürg in Weiden auf, die teilweise in Lazaretten untergebracht waren.

In der Grabstätte, die 64 Kriegstote birgt, sind vier KZ-Häftlinge aus Flossenbürg, die kurz nach ihrer Befreiung an den Folgen der Lagerhaft verstarben. 1945/46 zogen die meisten der Überlebenden nach Israel. Einige blieben jedoch und gründeten 1953 die Israelitische Kultusgemeinde Weiden. In Amberg erinnern zwei Grabstätten an die KZ-Opfer der Nazi-Zeit. So gibt es Einzelgräber von 16 KZ-Toten, oft bekrönt mit dem Davidsstern, auf dem Jüdischen Friedhof an der Philipp-Melanchthon-Straße. Darüber hinaus erinnert auf dem städtischen Katharinenfriedhof ein länglicher Gedenkstein aus Flossenbürger Granit an die Namen von 46 Toten. In dem Sammelgrab wurden "politische" Strafgefangene bestattet, die zwischen 1937 und 1945 in der Amberger Strafanstalt oder im Marienkrankenhaus verstarben. 36 von ihnen wurden offiziell als KZ-Opfer anerkannt. Ein Teil von ihnen wurde später in die Heimatorte überführt.
Ein Denkmal mit einer Einfriedung aus Granitstein weist im Jüdischen Friedhof Floß auf 33 unbekannte jüdische KZ-Häftlinge, die Mitte April bei Todesmärschen in der Gegend um Floß umgekommen sind und zwischen 1946 und 1947 beigesetzt wurden. Sie waren auf Befehl der amerikanischen Besatzungsmacht von ehemaligen Nationalsozialisten aus Feldgräbern exhumiert und in das Massengrab auf dem Friedhof umgebettet worden.

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610 unbekannte KZ-Häftlinge

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Zahlreiche Gedenkstätten finden sich im Landkreis Schwandorf, und zwar in Neunburg vorm Wald, in Schwandorf selbst, in Muschenried (Gemeinde Winklarn) und in Schwarzenfeld; dazu kommen Grab- und Gedenkstätten im Landkreis Cham - zwei in Cham selbst, in Wetterfeld (Gemeinde Roding), in Bernried (Gemeinde Rötz) und in Rötz.

Bemerkenswert sind aus diesem Kreis vor allem die Anlagen in Neunburg vorm Wald und in Wetterfeld. Die Neunburger ist eine der größten Grabanlagen für KZ-Opfer in Bayern. 610 unbekannte KZ-Häftlinge sind dort bestattet. Unter anderem die aus einem Massengrab am Plattenberg. Denn nachdem die Kolonne der Häftlinge am 21. und 22. April Neunburg vorm Wald erreicht hatte, wurden noch am Ortseingang am Plattenberg (161 Tote) und im Zeitlarner Holz (29 Tote) die Erschöpften und Verletzten von SS-Mannschaften erschossen oder totgeschlagen. Sie und viele andere Opfer des Todesmarsches wurden 1950 auf dem neuen KZ-Friedhof zusammengeführt.
Über 500 Tote wurden in Wetterfeld (Gemeinde Roding) beerdigt, später aber auf den Ehrenfriedhof der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg überführt. An sie erinnert eine Gedenkstätte auf einer Anhöhe über der B 85 mit einem Hochkreuz und drei Holztafeln aus Eiche.

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In Kiesloch verscharrt

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Ein besonderes Drama spielte sich im Markt Schwarzenfeld (Landkreis Schwandorf) ab. Am 19. April 1945 geriet im Bahnhof Schwarzenfeld ein Transportzug mit 800 Häftlingen aus dem KZ Flossenbürg in einen amerikanischen Fliegerangriff. Dabei wurden 40 bis 50 Häftlinge getötet, viele weitere danach noch von den SS-Wachen ermordet. Insgesamt fanden vermutlich über 200 Häftlinge den Tod. Die Toten wurden in einem Kiesloch notdürftig verscharrt, alle anderen zu Fuß Richtung Stamsried und Cham weitergetrieben.

Bereits am 23. April entdeckten die Amerikaner das Massengrab, nachdem sie Schwarzenfeld eingenommen hatten. Sie drohten, den ganzen Ort zu zerstören, allerdings konnte sie der Ordenspater Viktor Koch von der Unschuld der Bevölkerung an dem Massaker überzeugen. NSDAP-Mitglieder mussten danach die Toten wieder ausgraben, in Särge legen und auf dem Friedhof in einem Sammelgrab beerdigen.

Zwölf Jahre später wurden 133 Leichen auf den Ehrenfriedhof der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg überführt. In Schwarzenfeld erinnert auf dem Friedhof ein Granitstein mit Inschrift an dieses Geschehen.

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