30.12.2003 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Uraufführung des Monodramas "Butterfahrt" in den Nürnberger Kammerspielen: Vom grellen Rampenlicht in die Einsamkeit

von Redaktion OnetzProfil

Von Bruno Neumann

Nürnberg. Die Karriere der Schlagersängerin Renate Poggensee alias Renate Kern, die sich in den 60ern ereignete, ist Gegenstand eines Monodramas, das jetzt in den Nürnberger Kammerspielen seine Uraufführung hatte. Margit Rogall schrieb unter dem Titel "Butterfahrt" ein Stück über Glanz und Elend des Stars. Die Autorin, die an verschiedenen Theatern als Darstellerin und Regisseurin wirkt, inszenierte auch die Nürnberger Aufführung.

In 90 Minuten rollt das Leben Renate Kerns vorüber. Garniert mit den Original-Aufnahmen ihrer Schlager-Erfolge erweist dieses Stück nicht nur dokumentarische Züge, sondern es erzählt mit dramaturgischer Konsequenz vom Aufstieg und Fall eines Menschen, der vom Business der Unterhaltungsbranche aufgefressen wird. Mit ihren Schlagern "Du musst mit den Wimpern klimpern" oder "Lieber mal weinen im Glück" gelang ihr der Sprung in die vorderen Ränge deutscher Schlagerseligkeit. Als sie in den 80ern umsatteln wollte in den Country- oder Chansonbereich verpasste sie den Anschluss an den stets wankelmütigen Publikumsgeschmack und landete in einer Depression. Am 18. Februar 1991 nahm sie sich das Leben.

Faszinierende Geschichte

Die Vita Renate Kerns, wie sie Margit Rogall als Stück verarbeitet, ist das Crescendo einer Tragödie. Dass die Autorin dies auf eine Darstellerin beschränkt, macht "Butterfahrt" für die Interpretin anstrengender, für die Zuschauer jedoch ergibt sich in diesem Monolog eine faszinierende Story, deren bitteres Ende erschüttern lässt. Der Fall aus den Höhen kam nicht rasant. Sie schlitterte über Tingeltangelshows ("Butterfahrt") und Gelegenheitsauftritte in Kaufhäusern allmählich in die Vergessenheit.

In den Kammerspielen konnte man diesen Weg nachvollziehen. Die Fugenlosigkeit zwischen Schlagereuphorie und privaten Ungereimtheiten war in Margit Rogalls konzentrierter Regie bezwingend gelungen. Elke Wollmann spielte die schillernde und dennoch so unglückliche Gestalt mit einer Fülle von Nuancen. Dass sie die eingespielten Original-Aufnahmen der Renate Kern mit ihrer Stimme täuschend weiterführte, ist nur einer der bewundernswerten Züge.

Hintergründe aufgedeckt

Elke Wollmanns Spiel verdient höchstes Lob: als disziplinierte Solistin der Sprache und als wandlungsfähige, die verschiedenen Lebensstufen beglaubigende Interpretin, die Freude und Leid, Höhen und Tiefen subtil zum Schwingen brachte. Die Aufführung in den Kammerspielen ist also in mehrerlei Hinsicht sehenswert. Auch wenn man weder die Gestalt noch die Lieder der Renate Kern in Erinnerung hat, ergibt sich in diesem Röntgenbild der menschlichen Tragödie ein Psychogramm, das die Hintergründe der Glitzerwelt aufdeckt.

Die Ausstattung (Margit Rogall) ermöglicht den Blick auf den stilisierten Bühnenpomp und die Scheinwerfer-Romantik. Die musikalische Funktion und deren Wirkung lag erfolgreich bei Andreas Schäfer. Am Ende der überzeugenden Uraufführung spendete ein nachdenklich gewordenes Publikum lange, lange Beifall.

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