30.08.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

"Voll Freude"

von Redaktion OnetzProfil

Angesichts des breiten Gedenkens an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren rückt der Beginn der zweiten Jahrhundertkatastrophe vor 75 Jahren etwas in den Hintergrund. Das Archiv in Neustadt/WN jedoch ist im Besitz der umfangreichen Schilderungen der Kriegserlebnisse eines Mitbürgers, der sich wohl wie so viele in seinem jugendlichen Idealismus von den Nationalsozialisten verführen ließ. Von 1935 bis 1937 trat der junge Neustädter als begeisterter Gefolgschaftsführer der Hitlerjugend (HJ) in seiner Heimatstadt auf. Bei seiner Verabschiedung zum Arbeits- und Militärdienst stellte die Lokalzeitung heraus, dass er mit der Neustädter HJ "zu den Besten des Bannes" gehört.

Noch während seiner Militärzeit in Amberg beteiligte sich der 22-Jährige voller Begeisterung am Einmarsch in Österreich, im Sudetenland und in der Tschechoslowakei. Den Beginn des Zweiten Weltkriegs mit dem deutschen Überfall auf Polen schildert er tagebuchartig vom August bis Ende Oktober 1939 unter dem Titel "Immer voran! Niemals zurück! Marsch, Kampf und Sieg deutscher Infanterie in Polen".

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Schon im Juli erwartet er "voll Freude" die großen Dinge, die sich vorbereiten, "wir werden wiederum wie in Österreich, im Sudetenland und im Protektorat dabei sein". Als sein Regiment am 6. August von Amberg nach Groß Wartenberg in Niederschlesien (heute Syców/Polen) verlegt wird, fragt er sich nur kurz: "Werden wir die Heimat wiedersehen? Können wir wieder einziehen als ,Sieger'? Werden wir bis zum 20. September wieder in Amberg sein? . . . Dann soll für uns die Militärzeit zu Ende sein!"

Nach zwei Wochen Schanzen spürt man eine wachsende Ungeduld. "Bei uns läuft alles programmäßig! Wir wünschen nur eine baldige Änderung unserer Lage. Heraus aus der dauernden Ungewißheit! So oder So! Auf nach Polen . . . !" Er und seine Kameraden stehen ganz unter dem Einfluss der NS-Propaganda, die den Überfall auf Polen vorbereitet. "Nun kann es nicht mehr lange dauern! Die Korridorfrage (= Danzig) drängt zur Lösung." Die Meldung vom deutsch-russischen Nichtangriffspakt ("das größte Ereignis seit dem Weltkrieg") sorgt offenbar für erregte Diskussionen unter den Soldaten. Die immer aggressivere antipolnische Propaganda schlägt sich direkt in den Vorstellungen an der polnischen Grenze nieder.

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"Blutende Grenze"

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Immer wieder ist von der "blutenden Grenze" die Rede. "Unsere Gedanken, deutsche Brüder dort über der Grenze sind bei Euch! Bald werden wir kommen und Euch heimholen, heim ins Reich! . . . Immer noch das alte Lied: Terror der Polen! Mißhandlung, Knechtung, Unterdrückung Deutscher! - Wir liegen ständig alarmbereit! Doch die Nacht vergeht. Nichts rührt sich!". Am Abend des 24. August scheint es so weit zu sein: "Nun ist es soweit . . . ! Glauben wir. Nun werden wir endlich von der Ungewißheit erlöst. Wir glauben: Heute Nacht geht es auf nach Polen. Aber leider werden wir dabei enttäuscht. Es heißt noch nicht: Ran an den Feind! Wir marschieren rückwärts!" Auch die nächsten Tage rührt sich nichts, lediglich das Bier geht aus.

Nach einem weiteren Fehlalarm heißt es erst am 31. August: "Nun ist es so weit! Heute Abend soll es losgehen! Wiederum marschieren wir in später Abendstunde an die blutende Ostgrenze des Reiches! Heut wird es Ernst werden, das ahnen wir . . . ! Heute gibt es kein Zurück mehr! Wir werden marschieren und werden kämpfen!"

Die Schilderung dieser letzten Friedensnacht zum 1. September klingt geheimnisvoll und romantisch: "Ein herrlicher Nachtmarsch hat uns heute in der lauwarmen Spätsommernacht an die Grenze gebracht. Wie Gespenster sind im Dunkel der Nacht die verschiedenen Fahrzeuge an uns vorübergehuscht. Melder, motorisierte Kolonnen, Panzer, Artillerie, Infanterie . . . , alles strebt der Grenze zu . . . Alles lautlos! Stille! Stille! . . . Der Mond leuchtet über der blutenden Grenze. Nicht mehr lange wird diese Grenze bestehen. Der Ruf geknechteter Deutscher dringt in der Stille der Nacht besonders laut zu uns . . . Brüder, wir haben Euren Ruf vernommen, nur noch wenige Stunden, dann werdet Ihr uns jubelnd empfangen können, dann seid Ihr frei, frei . . . ".

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Kein Zweifel mehr

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Die Schüsse der deutschen Artillerie beseitigen um 4.45 Uhr die letzten Zweifel. "Was die Schüsse um 04.45 Uhr bedeuten, wissen wir: Krieg! Krieg! . . . Die Infanterie stürmt über die Grenze hinweg! Panzer voran! Jetzt gibt es kein Zurück mehr... Die Würfel sind gefallen! Die Polen wollten es nicht anders. Krieg! Krieg!" Das Vorwärtsstürmen des ersten Tages unterbricht "ein feierlicher Augenblick, ein herrliches Gefühl, jetzt mitten in Feindesland die Stimme unseres Führers zu hören und ein unbeschreibliches Glücksgefühl erfaßt uns, denn wir wissen: In diesem Augenblick, da der Führer im Reichstag spricht, steht das ganze deutsche Volk am Lautsprecher und lauscht seinen Worten, erwartet seinen Befehl und in diesem Moment weilen die Gedanken der Heimat bei ihren Soldaten, die Heimat ist bei uns, opfert mit uns, kämpft mit uns . . . Dieses Wissen macht uns stark, gibt uns Kraft für die kommenden schweren Tage. . . . Der Kampf geht weiter. Voll Siegesglauben und neuer Kraft, gestählt durch die Worte des Führers, stürmen wir weiter vorwärts! . . . Schon geht es wieder weiter! Es ist keine Minute zu verlieren! Bis spät in die Nacht wird vorgestoßen, denn es heißt soweit wie möglich den Polen auf den Fersen zu bleiben."

So endet der heute befremdlich wirkende Bericht zum ersten Tag des Krieges in Polen. Am 1. Oktober wird das Regiment in Warschau einziehen und am 5. Oktober vor dem "Führer" die Siegesparade abhalten.

1940 schreibt der junge Soldat über den Feldzug in Frankreich. Ab August 1941 bis August 1944 steht er in Russland "im Kampf gegen den Bolschewismus". Sein letzter Bericht aus dem russischen Kampfgebiet erscheint im Januar 1944 in einer Zeitung. Vom "Absetzen nach Westen" ist hier zwar schon die Rede. Doch ein Zweifel an den Zielen und am Sieg des NS-Krieges wird auch hier nicht sichtbar. Mit der Parole "Nach wie vor steht der Grenadier!" beendet der inzwischen zum Oberfeldwebel aufgestiegene Schreiber seinen detaillierten Bericht.

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"Verlust der Jugend"

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Beim Übergang über die Donau wird er im August 1944 in Bulgarien interniert und den Russen ausgeliefert. Erst im September 1949 kommt der inzwischen 33-Jährige aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. In seinem Lebenslauf kommentiert er diesen Lebensabschnitt: "12 Jahre Dienst am Vaterland. Verlust der Jugend."

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