09.08.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Von der Heil- und Pflegeanstalt über ein Kinderheim weiter zur Fachklinik für Psychiatrie Erholung trotz kalten Wassers

Eine Brandkatastrophe legte am 9. August 1928 den größten Teil des Marktes Luhe in Schutt und Asche. Bereits eine Woche später durften 26 Buben und Mädchen zur Erholung in das damalige Kinderheim Wöllershof.

von Autor SEFProfil

In dem zu Störnstein gehörenden Ort hatte der Kreistag der Oberpfalz, der spätere Bezirkstag, bereits 1911 ein Fachkrankenhaus für Psychiatrie gebaut. Zweck der Neugründung war es, die Kreisirrenanstalt Regensburg-Karthaus zu entlasten und den Bedarf in der nördlichen Oberpfalz zu befriedigen. Bereits nach neun Jahren wurde die für 400 Patienten ausgelegte Institution wegen wirtschaftlicher Probleme geschlossen.

Lebensmittel vom Gutshof

Doch lange stand die Einrichtung nicht leer. Ab 1. April 1921 wurde sie von der Bayerischen Landeshauptfürsorgestelle München gepachtet und als Kindererholungsheim genutzt. Mit dem zur Anstalt gehörenden Gutshof von etwa 500 Morgen Fläche, das entspricht etwa 170 Hektar wurden Verträge zur Versorgung mit Milch, Getreide und sonstigen Lebensmitteln geschlossen.

Durch die Nationalstiftung für die Hinterbliebenen des Weltkriegs erhielt das Heim neun Milchkühe. Zusätzlich lieferten eine eigene Gärtnerei und die amerikanische Kindermission, die von den Quäkern unterstützt wurde, weitere Güter. Der Gesamtkomplex Wöllershof bestand aus einem Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude sowie neun großen Wohneinheiten, die jeweils 80 bis 100 Kindern Platz boten.

Zu jedem Haus gehörten Garten und Spielplatz. Auch Festsaal und Kapelle durften genutzt werden. Die örtliche Leitung lag in den Händen von Schwestern des Karmeliterordens. Ihnen zur Seite standen Ärzte, Lehrer und weiteres Fachpersonal.

Sie kümmerten sich um erholungsbedürfte, unterernährte, aber nicht kranke Kinder im Alter von 7 bis 14 Jahren aus allen Teilen Bayerns und darüber hinaus. Bedingung für den meist sechswöchigen Aufenthalt - die Luher blieben sieben Wochen - waren ein ärztliches Zeugnis über die Erholungsbedürftigkeit und eine Bescheinigung über das Fehlen ansteckender Krankheiten.

Geweckt wurden die Kinder im Sommer um 7 Uhr, im Winter eine halbe Stunde später. Nach dem Aufräumen der Schlafräume und Waschen war Turnen im Garten angesagt. Mittagessen gab es von 11 bis 12.45 Uhr. Küchendienst gehörte zu den Pflichten der Mädchen und Buben. Nach der Hauptmahlzeit folgte bis 15 Uhr Bettruhe.

Gespannt warteten die Kinder danach auf die Verteilung der Post. Sie sollten ihrerseits oft nach Hause schreiben. Der weitere Nachmittag war ausgefüllt mit Spielen im Freien, Baden in der Waldnaab oder Schlittenfahren am Gärtnereiberg. Wer es besinnlicher wollte, widmete sich dem Basteln. Nach dem Abendessen um 18 Uhr kamen alle zum fröhlichen Singen zusammen. Den Tag beschlossen eine kalte Halbwaschung und das Abendgebet.

Beliebte Ausflüge

Gottesdienstbesuch am Sonntag - bei schönem Wetter auch im Freien - war eine selbstverständliche Gepflogenheit. Mindestens einmal wöchentlich standen Exkursionen nach St. Quirin, St. Felix oder zum Dost bei Wilchenreuth auf dem Programm. Besonders beliebt waren Tagesausflüge zur Luisenburg und Kösseine. Wenn der Zug Neustadt erreicht hatte, folgte ein romantischer Nachtmarsch nach Wöllershof.

Nach einem Jahr der völligen Stilllegung nahm 1933 die österreichische SA die Einrichtung in Beschlag. Zwei Jahre genügten, um die gepflegte Anlage herunterzuwirtschaften. 1938 folgte ein kurzes Intermezzo als Reichsfinanzschule.

Ab 1943 wurden die Häuser wieder als Heilstätte genutzt. Zuerst kamen verwundete Soldaten und danach Tuberkulosekranke. 1978 kaufte der Bezirk Oberpfalz die Gebäude zurück und baute Wöllershof zu einer Fachklinik für Psychiatrie aus.

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