01.09.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Vor 75 Jahren begann der Zweite Weltkrieg Die ersten Opfer

Gedenken in Stein: Der Schriftzug Westerplatte ist aus den Trümmern der Wehranlagen gestaltet. Bild: dpa
von Redaktion OnetzProfil

Die ersten Schüsse des Zweiten Weltkriegs fielen am frühen Morgen. In der Danziger Bucht ankerte das deutsche Marineschiff "Schleswig Holstein", kurz nach Tagesanbruch am 1. September 1939 nahm es den polnischen Militärposten auf der Halbinsel Westerplatte unter Beschuss. Etwa zur selben Zeit brachten deutsche Bomber Hunderten schlafenden Einwohnern der zentralpolnischen Kleinstadt Wielun den Tod - die ersten Opfer eines Krieges, im dem bis zum Ende weltweit rund 55 Millionen Menschen ihr Leben verloren.

Der Überfall Nazi-Deutschlands auf das Nachbarland wurde von der deutschen Propaganda als Reaktion auf einen polnischen Angriff umgedeutet. "Seit fünf Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen", sagte Adolf Hitler in seiner Rundfunkansprache. Auch das war eine Lüge: Geschossen wurde bereits eine Stunde zuvor. Und der angebliche Angriff auf den Rundfunksender der Grenzstadt Gleiwitz wurde von SS-Leuten in polnischen Uniformen verübt.

Für Polen war der deutsche Überfall der Beginn einer doppelten Katastrophe. Der deutsche Vormarsch verlief weitaus schneller, als polnische Regierung und Armee erwartet hatten. Am 17. September marschierte zudem die Rote Armee in Ostpolen ein. Offizielle Begründung war die Sorge um das Schicksal der dort lebenden Weißrussen und Ukrainer. Tatsächlich hatten Deutschland und die Sowjetunion im geheimen Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts ihre Interessengebiete abgesteckt. Polen wurde ein weiteres Mal unter seinen mächtigen Nachbarn aufgeteilt.

Zwar erklärten England und Frankreich Deutschland den Krieg, doch die Polen waren in ihrem Kampf weitgehend auf sich gestellt. In Paris bildete sich eine polnische Exilregierung unter der Führung von General Wladyslaw Sikorski, die später von London aus arbeitete. In Polen selbst organisierte sich der Untergrund - nicht nur für den militärischen Kampf, sondern mit einem eigenen Gerichtswesen, Schulen, Universitäten und Verlagen.

Erbitterter Widerstand

Dass der Widerstand sich über so viele Bereiche der gesamten Gesellschaft erstreckte, war in Europa einzigartig. Die Polen, die nach der nationalsozialistischen Rassenideologie als Untermenschen galten, setzten sich auf diese Weise zur Wehr gegen ein Besatzungsregime, das ihnen nur die Rolle von Arbeitskräften für die deutsche Industrie und Landwirtschaft geben wollte. Die Hochschulen waren geschlossen worden, ebenso die höheren Schulen. Während die westlichen Landesteile Polens in Deutschland "eingegliedert" wurden, war das sogenannte Generalgouvernement in der Praxis ein großes Arbeitslager.

Der Besatzungsalltag war von Terror geprägt. Vor allem in den Westgebieten wurden Vertreter der polnischen Elite deportiert oder ermordet. Von Anfang an gab es Morde an Juden. Dass die deutschen Vernichtungslager auf dem Territorium des besetzten Polens errichtet wurden, war kein Zufall: Vor dem Zweiten Weltkrieg waren zehn Prozent der polnischen Einwohner Juden - die größte jüdische Diaspora Europas. Drei der sechs Millionen Opfer des Holocausts waren polnische Juden.

Zudem kamen im Zweiten Weltkrieg rund drei Millionen nichtjüdische Polen ums Leben - Widerstandskämpfer, Opfer von Razzien und Massenerschießungen, Zivilisten. Zehntausende wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert. Als Deutschland am 8. Mai 1945 kapitulierte und der Krieg in Europa zu Ende war, gab es kaum eine polnische Familie, die nicht Schreckliches erlebt, Angehörige verloren hatte. Doch die Polen, obgleich sie vom ersten Tag an gegen die deutschen Besatzer gekämpft hatten, gehörten zu den Verlierern: Ihr Land wurde gegen den erklärten Willen der Londoner Exilregierung Einflussgebiet der Sowjetunion, die Ostgebiete wurden ihr ganz zugeschlagen.

Polen aus Vilnius und Lviv (Lemberg) mussten ihre Heimat verlassen, wurden umgesiedelt in die deutschen Gebiete, mit denen ihr Land für seine Verluste im Osten entschädigt worden war: nach Breslau, Danzig, Stettin. Das Vertriebenenschicksal wurde zu einer gemeinsamen Erfahrung von Deutschen und Polen - doch jahrzehntelang blieb die Angst vor der Rückkehr der Deutschen.

Angst vor Aufkauf

Erst die endgültige Anerkennung der Oder-Neisse-Grenze als polnische Westgrenze ließ diese Ängste schwinden. Selbst noch bei den EU-Beitrittsverhandlungen spielten sie eine Rolle. Mit Übergangsfristen für den Landkauf durch Ausländer wollte Polen vor allem sicherstellen, dass die Nachkommen der Vertriebenen nicht zurückkommen und sich ihr altes Land kaufen.

Heute lassen sich mit der Angst vor den Deutschen keine Wahlen mehr gewinnen. Das musste der nationalkonservative Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski 2011 feststellen, als er kurz vor den polnischen Parlamentswahlen in einem Buch Bundeskanzlerin Angela Merkel "Großmachtstreben" vorwarf. Noch 2005 hatte er bei den damaligen Wahlen gesiegt, als bekannt wurde, dass der Großvater seines Gegenkandidaten Donald Tusk in die Wehrmacht eingezogen worden war.

Inzwischen regiert Tusk als erster polnischer Regierungschef seit 1989 eine zweite Amtszeit und hat ein als freundschaftlich geltendes Verhältnis zur deutschen Kanzlerin. Die Polen lernten zur allgemeinen Überraschung, dass Merkel einen polnischen Großvater hat. In Deutschland stellen Polen mittlerweile den größten Anteil an ausländischen Ehepartnern. Auch in Polen stößt Umfragen zufolge ein deutscher Schwiegersohn, eine deutsche Schwiegertochter nicht mehr auf Ablehnung.

"Eine Herausforderung"

Dennoch sind die deutsch-polnischen Beziehungen für den Historiker Krzysztof Ruchniewicz "weiter einer Herausforderung". "Wir besuchen uns, wir tauschen uns lächelnd aus, aber wir diskutieren nicht miteinander, wir suchen in der Debatte keine weiteren Herausforderungen und gemeinsamen Ziele für die Zukunft." Auf gegenseitige Harmoniebekundungen sollten sich die Nachbarn jedenfalls nicht beschränken: "Ich glaube, gute deutsch-polnische Beziehungen sind eine Garantie der Stabilität in unserem Teil Europas, also ist ihre Vertiefung eine Notwendigkeit."

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