15.05.2012 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Zeuginnen reisen aus Brasilien an - Fünf Jahre für mutmaßlichen Kinderschänder gefordert Geständnis nach klaren Aussagen

Damit hatte an sich keiner gerechnet: Nach einer Flugreise von etlichen Tausend Kilometern erschienen am Montag zwei junge Frauen aus Brasilien vor dem Landgericht Amberg und belasteten einen dort wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern angeklagten 59-Jährigen schwer. Nach Willen der Staatsanwaltschaft soll der Mann nun fünf Jahre hinter Gitter.

von Autor HWOProfil

Es gibt eine brennende Frage in diesem nun schon drei Tage andauernden Verfahren. Sie lautet: Wie kann es möglich sein, dass ein verwitweter Mann aus Deutschland nach Brasilien reist und dort zwei Mädchen im Alter von vier und zehn Jahren ihren ledigen Müttern abkauft?

Unterdessen wissen die Richter, dass der heute 59-Jährige im letzten Jahr mit zwei Frauen bei brasilianischen Behörden erschien und sich dort als leiblicher Vater zweier Kindern eintragen ließ. Ein unvorstellbarer Vorgang. Noch unvorstellbarer aber: Die Mädchen konnten danach nach Deutschland kommen und eines von ihnen soll tatsächlich von einer Behörde in der Oberpfalz ein Personaldokument erhalten haben. Keiner prüfte offenbar die Abstammung. Beide trugen fortan den Familiennamen ihres in einem Ort bei Neunburg vorm Wald lebenden "Papas". Zunächst hatte der Beschuldigte, auf dessen PC sich später viele Filme mit kinderpornografischem Inhalt fanden, alle ihm vorgehaltenen Missbrauchsverbrechen, begangen an einem der Mädchen, abgestritten.

Beobachtungen

Doch dann kamen, von keinem erwartet, zwei junge Frauen aus Brasilien. Sie waren am Wochenende per Flugzeug nach München angereist, von der Polizei abgeholt und in einem Amberger Hotel untergebracht worden. Heute 32 und 21 Jahre alt, waren beide 2011 nacheinander als Au-Pair-Mädchen im Haushalt des 59-Jährigen tätig. Was sie aussagten, ließ keinen Zweifel mehr an den vom Angeklagten so heftig abgestrittenen Missbrauchstaten. Die Frauen machten Beobachtungen und sie schilderten dann auch, wie das war, als sie ihren Gastgeber zusammen mit der Vierjährigen antrafen. Die Kleine, erzählte eine der Frauen, sei nahezu nackt gewesen, habe später völlig verstört reagiert.

Während sich die Frauen aus Brasilien bereits wieder zum Heimflug rüsteten, gab es vor der Ersten Strafkammer ein, wie es die Staatsanwältin Michaela Frauendorfer später ausdrückte, "Geständnis in letzter Sekunde." Der 59-Jährige gestand unter erneutem Ausschluss der Öffentlichkeit zwei Missbrauchsfälle und meinte, es sei "einfach so über ihn gekommen." Jegliche Neigung zur Pädophilie wies er strikt von sich. Kontakte nach Brasilien besaß der Mann, weil seine verstorbene Ehefrau aus diesem Land stammte. Am frühen Montagabend setzte die Staatsanwältin zum Plädoyer an. Sie wunderte sich darüber, wie es gelungen sei, zwei Mädchen völlig ungehindert als "Adoptiv-Vater" nach Deutschland zu bringen und ließ anklingen, dass der Mann offenbar geplant hatte, weitere Kinder aus Brasilien in sein Haus zu holen. "Ganz sicher nicht", so Michaela Frauendorfer, "um ihnen eine gute Zukunft und ein Dach über dem Kopf zu geben." Für letztlich zwei nachweisbare Missbrauchstaten und den Besitz von kinderpornografischen Filmen forderte sie fünf Jahre Haft.

Für Herd und Kühlschrank

Geklärt ist zwischenzeitlich, dass die beiden kleinen Mädchen im Zuge polizeilicher Ermittlungen ihren Müttern im bettelarmen Nordosten Brasiliens zurückgegeben wurden. Eines der Kinder musste die Reise nach Europa antreten, weil seine engste Verwandtschaft einen Herd und einen Kühlschrank nicht finanzieren konnte. Das Urteil wird am Dienstag verkündet.

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