15.08.2007 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Zimmerergeselle "Mirtl" bricht zur Wanderschaft auf - Drei Jahre und einen Tag unterwegs Von Ellersdorf in die weite Welt

Der Weg in die weite Welt führt über Etsdorf. "Also pack mers", sagt Martin Piehler am Ortsschild, schlägt seinen Rucksack über die Schulter und dreht den "Oberlandlern" den Rücken zu. Der 23-jährige Zimmerergeselle aus Ellersdorf (Gemeinde Freudenberg) ist am Montag auf einem Feldweg Richtung Etsdorf zur Walz aufgebrochen.

von Uli Piehler Kontakt Profil

Das ganze Dorf hat sich zur Verabschiedung am Ortsrand eingefunden. "Muss i denn zum Städtele hinaus", spielen seine Kumpels auf der Ziehharmonika. Tränen fließen. "Der Martin zieht das durch", sagt sein Vater. Er muss es wissen. Vor vier Jahren hing der Sohn seinen Job in einem Amberger Industriebetrieb an den Nagel und suchte sich von heute auf morgen in Österreich eine Stelle als Zimmerer.

Sehnsucht nach der Kirwa

Martin tritt seinen Weg nicht alleine an. Zwei erfahrene Wandergesellen sind nach Ellersdorf "getippelt", um ihn auf seiner ersten Etappe zu begleiten. Jens (23) war schon die ganze Woche bei den Piehlers in Ellersdorf zu Gast. Der Wandersgeselle aus Bingen am Rhein ist bereits seit eineinhalb Jahren unterwegs und hat quasi die Patenschaft für Martin übernommen, führt ihn in die Bräuche und Gepflogenheiten der Reisenden auf der Walz ein. Drei Jahre und einen Tag darf sich der "Mirtl", wie ihn seine Freunde im Oberland nennen, seiner Heimat nicht mehr nähern. Nicht näher als 50 Kilometer. So will es das ungeschriebene Gesetz der Gesellen.

"Wie wir das an der Kirwa machen, wissen wir noch nicht", sagt einer von den Kirwaburschen. "Vielleicht fahren wir ihm einen Kasten Bier entgegen." Die Kirwa werde ihm fehlen, sagt Martin. Ein Handy hat er nicht mitgenommen. Irgendwann will er sich von einer Telefonzelle aus zu Hause melden.

"Mich zieht's in die Natur"

Bereits am Samstag ist der Ellersdorfer offiziell in den Kreis der Wandergesellen aufgenommen worden. Mehr als 100 Nachbarn, Freunde und Bekannte waren zum Lagerfeuer gekommen. Jens hat die blutige Zeremonie geleitet. Als er dem Mirtl mit einem Nagel auf dem Biertisch das obligatorische Ohrloch stach, machten nicht nur Kinder große Augen.

Martin will sein Wissen erweitern. Er will andere Techniken, aber vor allem Land und Leute kennen lernen. Etliche Wandergesellen hat er schon ein Stück begleitet, war in Bielefeld, Landshut und Osnabrück. Und er macht sich keine Illusionen: "Ich glaube, dass es am Anfang ganz gut läuft. Schwierig wird es wohl eher, sich nach den drei Jahren wieder im Alltag zurechtzufinden."

Die großen Städte will er eher meiden. "Mich zieht's in die Natur hinaus", sagt er. Vielleicht streift er auch mal eine Zeit lang allein umher. Normalerweise sind die Gesellen immer zu zweit oder dritt unterwegs. Sie arbeiten in Handwerksbetrieben, verdienen sich so Kost und Logis und ein bisschen Bargeld für die Reise. Was nicht heißt, dass sie damit ihre Fortbewegung finanzieren. Der Kauf von Bahntickets beispielsweise ist verpönt. Die Entfernungen werden zu Fuß oder per Anhalter bewältigt. Der erste Weg führt Martin nach Etsdorf. Dort wollten Jens, Thorsten und er schauen, wie sie nach Regensburg weiterkommen. Vielleicht über einen kurzen Umweg nach Schmidgaden oder Rieden - um noch einmal Kirwaluft zu schnuppern.

Bilder vom Abschied im Internet: www. oberpfalznetz.de, Netzcode 51059263

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