09.04.2017 - 20:06 Uhr
Deutschland & Welt

Anschläge auf christliche Minderheit in Ägypten: Tödlicher Palmsonntag

Der "Stabilitätsanker" Ägypten erlebt einen der blutigsten Tage der letzten Jahre. Der Terror von Dschihadisten trifft dabei die christliche Minderheit des Landes. Er zielt aber noch viel weiter.

Allein die Detonation des Sprengsatzes in der koptischen Kirche St. Georg in der nordägyptischen Stadt Tanta forderte 29 Menschenleben, 71 Gläubige wurden verletzt. Bild: AFP
von Agentur DPAProfil

Kairo. In ihren weiß-roten Gewändern stehen die koptischen Würdenträger in der Kirche St. Georg und singen. Es ist ein besonderer Sonntag für die Christen in der Stadt Tanta im Nildelta nördlich von Kairo. Es ist der Palmsonntag vor Ostern. Dann fällt das Bild des Videos aus. Die gewaltige Explosion ist nur zu hören. Sie hallt an den Wänden des Gotteshauses wider und erfasst Dutzende Gläubige. Wenige Stunden später in Alexandria: Ein Mann will in die Kirche St. Markus eindringen, in der das Oberhaupt der koptisch-orthodoxen Kirche, Papst Tawadros II., die Messe hält. Sicherheitskräfte können ihn davon abhalten. Er sprengt sich vor dem Gotteshaus in die Luft und reißt viele Menschen mit in den Tod. Der schwerste Angriff seit Jahren auf Christen in Ägypten forderte mehr als 40 Menschenleben. Er traf die religiöse Minderheit, zielte aber auf die Stabilität eines ganzen Landes.

Wacklige Handyvideos flimmern über die Fernseher der Wohnzimmer und Teestuben am Nil. Sie zeigen einen blutverschmierten weißen Steinboden, menschliche Überreste und in Panik fliehende Personen. Ein Bild verweilt auf einem zurückgelassenen Schuh am Anschlagsort Tanta. Am Nachmittag passiert das, womit ohnehin schon jeder gerechnet hatte. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reklamiert die Bluttat für sich. Wie vor vier Monaten, als ein Selbstmordattentäter in Kairo fast 30 Menschen in einer Kirche tötete.

Die Dschihadisten, die seit Jahren im Norden der unruhigen ägyptischen Sinai-Halbinsel aktiv sind, zielen seit Monaten verstärkt auf die Millionen Christen im Land, die etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen. Ihr Ziel: Sie wollen dabei ganz Ägypten destabilisieren. Der Terror ist denn auch eines der größten Probleme von Staatschef Abdel Fattah Al-Sisi. Noch vor einem Monat stand er im Präsidentenpalast neben einer Besucherin, Bundeskanzlerin Angela Merkel, und verteidigte seine autoritäre Führung angesichts der Terrorbedrohung, die man zur Kenntnis nehmen müsse. "Dann würden sie verstehen, warum wir solche Maßnahmen treffen."

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