04.05.2018 - 22:18 Uhr
Deutschland & Welt

Anschlag auf Skripal: Auch in Tschechien wurde mit Nowitschok experimentiert Zeman und das Gift

Die Ermittlungen im Fall Skripal laufen auf Hochtouren. Auch zum Nervengift Nowitschok werden immer mehr Details bekannt. Was aus Tschechien gemeldet wird, kommt aber überraschend.

Der tschechische Präsident Milos Zeman. Bild: Jaroslav Ožana/CTK/dpa
von Agentur DPAProfil

Prag/Salisbury. Seit zwei Monaten rätseln Ermittler, wer den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter mit Nowitschok vergiftet hat. Der Öffentlichkeit war die in der Sowjetunion entwickelte Substanz bis dahin weitgehend unbekannt. Nun hat Tschechiens Präsident Milos Zeman zugegeben, dass in seinem Land noch vor Monaten mit einer Nowitschok-Variante experimentiert wurde.

"Die Menge des hergestellten Gifts war angeblich klein, und es wurde nach den Versuchen vernichtet", sagte Zeman am Donnerstagabend im Fernsehsender Barrandov. Nowitschok ist nicht gleich Nowitschok; Die Giftgruppe gibt es in Varianten. In Tschechien sei an der Substanz A-230 geforscht worden, beim Anschlag auf die Skripals solle A-234 verwendet worden sein, betonte Zeman. Darauf wies auch das Außenministerium in Prag in einer Erklärung hin. Das Experiment in Tschechien habe im vergangenen November in einem militärischen Forschungsinstitut in Brünn (Brno) stattgefunden.

"Wir wissen wo, wir wissen wann, also wäre es Heuchelei, so zu tun, als ob nichts geschehen wäre", sagte der als russlandfreundlich geltende Staatschef. Er berief sich auf einen Bericht des Militärgeheimdienstes. Nach Einschätzung von Fachleuten sind nur wenige Labore in der Welt in der Lage, mit solchen Nervenkampfstoffen zu arbeiten. Skripal und seine Tochter Julia waren am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank im englischen Salisbury entdeckt worden. Die Ärzte konnten ihr Leben retten. Großbritannien macht Russland für den Anschlag verantwortlich.

Das Außenministerium in Moskau wies die Vorwürfe aus London zurück: Als Herkunftsländer des verwendeten Kampfstoffs kämen Tschechien, Großbritannien, die Slowakei und Schweden infrage, so der Kreml. Die Regierung in Prag verneinte das bislang. "Die Russen haben alle Grenzen überschritten", sagte etwa Ministerpräsident Andrej Babis von der populistischen ANO-Partei. Der deutsche Chemiewaffenexperte Ralf Trapp ist überzeugt, dass in mehreren Ländern mit Nowitschok experimentiert wurde. "Ganz bestimmt in den USA, sicher auch in einigen europäischen Ländern und vielleicht auch in Staaten in Asien", sagte Trapp. Der Experte arbeitet auch als unabhängiger Berater für die Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW). Er wolle sich aber nicht an Spekulationen beteiligen.

Die OPCW hatte einen Bericht zu dem in Salisbury verwendeten Gift erstellt, aber keine Details veröffentlicht. OPCW-Chef Ahmet Üzümcü sagte der "New York Times", dass zwischen 50 und 100 Gramm Nowitschok in flüssiger Form beim Anschlag verwendet worden seien - viel mehr, als für Forschungszwecke üblich sei. In Russland wurden die Angaben stark in Zweifel gezogen. Damit hätte man ganz Salisbury töten können, hieß es aus dem russischen Außenministerium. Das Gift ist britischen Ermittlern zufolge wohl an eine Türklinke am Haus von Skripal geschmiert worden. Die Russin Julia Skripal ist inzwischen an einen unbekannten Ort gebracht worden. Ihr Vater ist außer Lebensgefahr, wird aber immer noch in der Klinik behandelt.

Die Vorwürfe Großbritanniens gegen Russland seien unhaltbar, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax zufolge. "Die Täuschungen der Regierung von (Premierministerin) Theresa May werden immer klarer", kommentierte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa. London habe behauptet, Nowitschok sei nur in Russland hergestellt worden. Zemans Aussage widerlege dies.

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