04.09.2017 - 21:28 Uhr
Deutschland & Welt

Der "Deutsche Herbst" vor 40 Jahren Bundesrepublik im Ausnahmezustand

Die Entführung und Ermordung von Arbeitgeberpräsident Schleyer, der Irrflug der gekaperten Lufthansa-Maschine "Landshut", die Todesnacht von Stammheim: Die 44 Tage, die als "Deutscher Herbst" in die Geschichtsbücher eingegangen sind, wirken bis heute nach.

Der Bildausschnitt der Titelseite der französischen Zeitung "Liberation" vom 28. September 1977 zeigt den entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer unter dem Logo der RAF (Rote Armee Fraktion) mit einem Schild "Seit 20 Tagen Gefangener der R.A.F." Archivbild: UPI/dpa
von Agentur DPAProfil

Berlin. Der 5. September 1977 ist ein Montag. Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer ist um 17.30 Uhr auf dem Weg vom Büro zu seiner Kölner Wohnung. Plötzlich steht ein blauer Kinderwagen auf der Straße. Aus einer Einfahrt setzt ein gelber Mercedes zurück. Schleyers Fahrer steigt hart auf die Bremse, das Begleitfahrzeug mit den drei Personenschützern fährt auf Schleyers Wagen auf. Im selben Moment eröffnen vier Terroristen das Feuer. Der Fahrer und die drei Polizisten werden erschossen, der Arbeitgeberpräsident aus dem Wagen gezerrt und verschleppt. Die Entführung und die dramatischen Wochen, die folgen, werden als "Deutscher Herbst" in die Geschichte eingehen. Es sind 44 Tage, die die Bundesrepublik verändern.

Schmidt bleibt hart

Noch am Abend bittet Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) seine wichtigsten Minister und Berater ins Kanzleramt. Um 21.30 Uhr tritt er vor die Fernsehkameras. In einer kurzen Ansprache macht er klar, dass der Staat nun "mit aller notwendigen Härte" antworten müsse: "Gegen den Terrorismus steht nicht nur der Wille der staatlichen Organe, gegen den Terrorismus steht der Wille des ganzen Volkes." Die Entführer, das RAF-"Kommando Siegfried Hausner", fordern die Freilassung von elf RAF-Terroristen, unter ihnen die in Stuttgart-Stammheim inhaftierten Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Irmgard Möller. Am 6. September, kurz vor Mitternacht, tritt erstmals der "Große Krisenstab" mit den Spitzen der Sicherheitsorgane und aller Parteien des Bundestags zusammen. Sie alle sind sich einig: Der Staat wird sich nicht erpressen lassen.

Drama in Mogadischu

Am 13. Oktober entführen vier palästinensische Terroristen die Lufthansa-Maschine "Landshut" auf dem Flug von Palma de Mallorca nach Frankfurt, um den Forderungen der Schleyer-Entführer Nachdruck zu verleihen. Bei einem Zwischenstopp in Aden (Jemen) wird Flugkapitän Jürgen Schumann durch einen Kopfschuss getötet. Der Irrflug endet in der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Am 18. Oktober, kurz nach Mitternacht, wird die Maschine von einem Einsatzkommando der GSG 9 gestürmt. Drei der Entführer werden getötet, die 86 Geiseln befreit.

Nach der erfolgreichen Aktion ist die Erleichterung in Bonn zunächst groß. Der Kanzler und der Krisenstab setzen darauf, dass die Schleyer-Entführer nun aufgeben werden. Doch das Gegenteil passiert. Im Nachtprogramm des Rundfunks wird die Nachricht von der Befreiungsaktion in Nordafrika verbreitet. Trotz "Kontaktsperre" erfahren die Stammheimer Häftlinge davon.

Terroristin am Telefon

Als am frühen Morgen des 18. Oktobers, wenige Stunden nach der Befreiungsaktion in Mogadischu, gegen 8 Uhr die Zellen der Häftlinge geöffnet werden, sind Baader und Ensslin tot, Raspe liegt im Sterben. Irmgard Möller überlebt als einzige mit Stichwunden in der Brust die Todesnacht im siebten Stock des Gefängnisses. Ein Tag später, am 19. Oktober um 16.21 Uhr, läutet das Telefon bei der Textaufnahme im Stuttgarter Büro der Deutschen Presse-Agentur. Eine weibliche Stimme beginnt zu diktieren: "Hier RAF ... Wir haben nach 43 Tagen Hanns Martin Schleyers klägliche und korrupte Existenz beendet. Herr Schmidt ... kann ihn in der Rue Charles Peguy in Mülhausen in einem grünen Audi 100 mit Bad Homburger Kennzeichen abholen."

Auf die Zwischenfrage eines Redakteurs, ob die Anruferin einen Beweis für die Echtheit der Mitteilung habe, antwortet sie knapp: "Sie werden es sehen, wenn Sie das Auto gefunden haben." Im Kofferraum des Audi wird Schleyer gefunden, mit Kopfschüssen ermordet.

Als der "Deutsche Herbst" endete, war die Fahndungsbilanz zunächst mager. Gerade einmal neun der später 22 ermittelten Tatverdächtigten waren identifiziert. Dennoch zieht RAF-Experte Butz Peters in seinem neuen Standardwerk ("1977 - RAF gegen Bundesrepublik") eine insgesamt positive Bilanz: "Führt man auf Staatsseite die Sichtweisen gegen Jahresende 1977 auf einen kurzen Nenner zusammen, lautet das Fazit: Der Blutzoll war hoch. Aber nur so ließ sich künftiges Unheil vermeiden. Der Staat hat die Herausforderung bestanden."

Gegen den Terrorismus steht nicht nur der Wille der staatlichen Organe, gegen den Terrorismus steht der Wille des ganzen Volkes.Helmut Schmidt (SPD), damals Bundeskanzler
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.