Der Europäische Rat in Brüssel zieht um
Tausende Fenster zur Macht - und ein Ei

Das Innere des neuen EU-Ratsgebäudes "Europa" in Brüssel. Anfang 2017 soll das neue Zuhause des Europäischen Rates in Betrieb genommen werden. Bild: Melanie Wenger/Isopix/Philippe Samyn and Partners architects & engineers - lead and design partner, Studio Valle Progettazioni architects, Buro Happold engineers/dpa

Der Europäische Rat in Brüssel zieht um - in ein durchaus ungewöhnliches Gebäude. Ein neues Wahrzeichen? Der britische Ex-Premier David Cameron hat da ganz andere Assoziationen.

Brüssel. Ein Patchwork von 3750 holzgerahmten Fenstern um ein Herz aus Glas: Der Rat der Europäischen Union zieht in einen spektakulären Neubau direkt neben seinem bisherigen Sitz. "Europa" nennt sich das Gebäude, in dem künftig auch die Staats- und Regierungschefs zu ihren Brüsseler Gipfeln zusammenkommen. Ein futuristischer Hingucker - und ein Alptraum für Fensterputzer.

Die Bauherren rühmen sich der Verschmelzung von Alt und Neu, denn ein Teil des etwa 320 Millionen Euro teuren Gebäudes integriert den dahinter liegenden, teils denkmalgeschützten Résidence Palace aus den 20ern. Dort sind die Büros der Delegationen der 28 Mitgliedstaaten und des Rats-Präsidenten untergebracht. "Die Geschichte des Gebäudes erlaubt uns in gewissem Maße einen Schritt in die Geschichte Europas", erklärt der belgische Architekt Philippe Samyn, der "Europa" gemeinsam mit Büros aus Italien und Großbritannien entworfen hat.

Auch die transparente Fassade mit Mini-Holzfenstern ist symbolisch. Dafür wurde Material von abgerissenen Gebäuden in Mitgliedstaaten recycelt. Das soll nicht nur für Nachhaltigkeit stehen, sondern auch für das Motto der EU: In Vielfalt vereint.

Alptraum für Fensterputzer

Doch fällt professionellen Fensterputzern beim Anblick der vielfach unterteilten Front wohl nur ein Wort ein: "oje". Das jedenfalls war der Kommentar von Karl Wachenfelds, Geschäftsführer einer Berliner Glasreinigungsfirma. Er ist nicht für die Reinigung des Gebäudes zuständig, kann sich den Aufwand aber vorstellen: Nur für die Außenreinigung benötige man etwa 240 Stunden. Zwei bis drei Mal länger als bei anderen Glasbauten. Vom Rat heißt es dazu nur, das Haus müsse wegen eines ausgeklügelten Wasserableitungssystems seltener gereinigt werden.

Vom repräsentativen Äußeren ins imposante Innere: Durch die Fassade schimmert wie ein riesiges Ei das Glas-Herz, in das untereinander drei Konferenzräume eingebaut wurden. Im Größten davon sollen die Mächtigen tagen. Auch die Ministertreffen sollen hier stattfinden. Die Konferenzräume sind bunt. Decken und Teppiche bestehen aus Quadraten in Regenbogenfarben. Pressezentrum und Verwaltung des Rates bleibt im bisherigen Justus-Lipsius-Ratsgebäude. Die beiden Häuser sind mit zwei Brücken verbunden.

Wieso dann ein neuer Hauptsitz? "Mehr Flexibilität und Effizienz", sagt Rats-Generalsekretär Jeppe Tranholm-Mikkelsen. Bei mehr als 6000 Treffen im Jahr sei der zusätzliche Platz nötig. Als der aktuelle Sitz 1994 bezogen wurde, hatte die EU zwölf Mitgliedstaaten, jetzt sind es 28. "Europa" sei deshalb auch ein Symbol für die Erweiterung der EU.

2004 fiel die Entscheidung für das neue Gebäude, knapp acht Jahre wurde gebaut. Für einen symbolischen Euro überließ die belgische Regierung das Grundstück der EU. Großer Kritiker war der frühere britische Premier Cameron. Er nannte es einen "vergoldeten Käfig".

Oje.Kommentar von Karl Wachenfelds, Geschäftsführer einer Berliner Glasreinigungsfirma, zum Neubau in Brüssel
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.