11.08.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Der künftige türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan gilt als ausgeprägter Machtmensch Kompromisslos und polarisierend

Begegnung mit dem starken Mann im Staat: Wo Recep Tayyip Erdogan (rechts im hellen Sakko) auftaucht, da strecken wollen seine Anhänger mit ihm Kontakt aufnehmen, strecken ihm ihre Hände entgegen. Bild: dpa
von Agentur DPAProfil

Nicht viele Politiker können eine solche Erfolgsbilanz aufweisen wie der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan: Seit er die islamisch-konservative AKP 2002 an die Macht führte, hat er keine Wahl verloren. So war der 60-Jährige am Sonntag als haushoher Favorit in die Präsidentenwahl gegangen. Der Einzug in das höchste Staatsamt ist nun die Krönung einer steilen Karriere, die Erdogan 1994 als Bürgermeister von Istanbul begann.

Kritiker bezweifeln allerdings, ob Erdogan die ausgleichenden und einigenden Qualitäten besitzt, die für das Präsidentenamt gemeinhin vorausgesetzt werden. Erdogan ist kein Diplomat, der den Kompromiss sucht. Im Gegenteil: Er ist ein Machtmensch, der keinen Kampf scheut und der die Türkei polarisiert hat. Er geht Kontrahenten hart an und legt eine aggressive Rhetorik an den Tag, die gelegentlich in Wut umzuschlagen scheint.

Militär entmachtet

Seine Jugend verbrachte Erdogan im Istanbuler Arbeiterviertel Kasimpasa, dort gibt es keine der europäisch geprägten Elite-Schulen. Er lernte, sich durchzuboxen. Er kickte auf dem Fußballplatz und spielte in der Amateurliga. Sein politischer Aufstieg erfolgte gegen massiven Widerstand vor allem des Militärs, das sich als Hüter des Erbes von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk sieht - und das von Erdogan inzwischen weitgehend entmachtet wurde.

Nach dem AKP-Sieg bei den Kommunalwahlen im vergangenen März kündigte Erdogan an, Gegner "bis in ihre Höhlen" verfolgen zu wollen. Im Präsidentschaftswahlkampf sagte er kürzlich: "Jetzt hat der Terrorstaat Israel mit seinen Grausamkeiten in Gaza Hitler übertroffen." Unliebsame Journalisten geht Erdogan persönlich an. Einer prominenten Medienvertreterin warf er vor wenigen Tagen vor, "eine Militante in Gestalt einer Journalistin" zu sein.

In der EU sorgen Erdogans Aussagen und sein zunehmend autoritärer Regierungsstil für Irritationen. Westliche Staats- und Regierungschef lassen sich kaum noch in Ankara blicken. Wie unangenehm solche Besuche werden können, musste im April Bundespräsident Joachim Gauck erleben. Nach verhaltener Kritik des früheren Pfarrers Gauck an Demokratiedefiziten in der Türkei kam es zum Eklat. Erdogan spottete: "Der deutsche Staatspräsident sieht sich immer noch als Priester."

Personenkult

Bei Anhängern kommt Erdogan mit seinen scharfen Tönen gut an. Er verfügt über schier unbändige Energie und tritt auch außerhalb von Wahlkampfzeiten so häufig auf Kundgebungen auf, dass man sich gelegentlich fragt, wann er Zeit zum Regieren findet. Auf den Großveranstaltungen gibt er sich als zupackender Mann des Volkes, der die Türkei vor bösen Mächten - also vor seinen Gegnern - schützt. Der Kolumnist Kadri Gürsel schreibt von einem regelrechten "Erdogan-Kult", der sich um den Politiker gebildet habe.

Als Mann des Volkes wurde Erdogan auch in einem AKP-Wahlkampfspot dargestellt, dessen Ausstrahlung die Wahlkommission wegen religiöser Symbolik untersagte. Dort tragen Menschen aus dem ganzen Land zu Fuß, auf dem Pferd, mit dem Zug oder dem Flugzeug die goldenen Sterne aus dem roten Präsidentenemblem nach Ankara. Den größten Stern in der Mitte des kreisrunden Emblems bringt Erdogan am Eingang des Präsidentenpalastes Cankaya an. Dann öffnet sich wie von Geisterhand das Tor zum Palast - und Erdogan führt die Menschenmassen hinein.

Erdogan hat seine Anhänger besonders bei einkommensschwachen, ländlichen und wenig gebildeten Bevölkerungsteilen. Für sie wiegt der Lohnzettel schwerer als Twitter-Sperren oder westliche Kritik an Erdogan. So waren im Wahlkampf auch die wirtschaftlichen Erfolge sein größter Trumpf. Das Pro-Kopf-Einkommen hat sich während seiner mehr als elfjährigen Regierungszeit verdreifacht. Der Anteil der Armen an der Bevölkerung ist von mehr als 20 Prozent auf 2,3 Prozent gesunken.

Opposition chancenlos

Zwar hatten sich die beiden größten Oppositionsparteien CHP und MHP auf Ekmeleddin Ihsanoglu (70) als Gemeinschaftskandidaten geeinigt. Der Wahlkampf des früheren Generalsekretärs der Organisation für Islamische Zusammenarbeit blieb aber farblos. Der kurdische Kandidat Selahattin Demirtas hatte von vornherein keine Chance auf einen Sieg.

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