15.09.2017 - 20:00 Uhr
Deutschland & Welt

Der Leseranwalt schreibt Angstfigur versus Willkommenskultur

Empfang mit offenen Armen - das war gestern. Mittlerweile berichten deutsche Leitmedien viel häufiger im Kontext von Gewaltdelikten über Flüchtlinge.

Lange her: Mit einem Willkommensgruß und selbst mitgebrachten Lebensmitteln und Getränken warten im September vor zwei Jahren freiwillige Helfer im Frankfurter Hauptbahnhof auf die Ankunft von Flüchtlingen in der Stadt. Archivbild: Frank Rumpenhorst/dpa
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Amberg/Weiden. (nt/az) Dies belegt eine vor wenigen Wochen veröffentlichte Inhaltsanalyse von Professor Dr. Thomas Hestermann von der Hochschule Macromedia. In Zusammenarbeit mit der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen und dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen hat der Medienwissenschaftler die Berichterstattung von Bild-Zeitung, Frankfurter Allgemeiner Zeitung, Süddeutscher Zeitung und taz sowie acht deutschen Fernsehsendern im Zeitraum von Januar bis April 2017 untersucht.

Der Wendepunkt

Seit der Kölner Silvesternacht 2015/16 hat sich der mediale Blick auf Flüchtlinge und Zuwanderer verändert: Sie geraten als mutmaßliche Gewalttäter in den Fokus der Berichterstattung. Die wachsende Gewalt gegen Flüchtlinge werde hingegen kaum thematisiert, so die Erkenntnis in der Analyse. "Die deutschen Medien haben den gewalttätigen Einwanderer als Angstfigur neu entdeckt", resümiert Thomas Hestermann, Journalismus-Professor an der Hochschule Macromedia und wissenschaftlicher Leiter der Studie "Wie deutsche Zeitungen und das Fernsehen über Eingewanderte und Geflüchtete berichten".

Wenn Einwanderer oder Flüchtlinge Thema seien, dann oft im Zusammenhang mit Gewalt. Zwischen Januar und April 2017 hätten deutsche Fernsehsender vier Mal so häufig über Gewalt nichtdeutscher Tatverdächtiger berichtet wie noch im Jahr 2014, obwohl deren Anteil in der Kriminalstatistik innerhalb von drei Jahren lediglich um ein Drittel angestiegen sei.

Im Gegensatz dazu habe sich der Anteil der explizit als nichtdeutsch bezeichneten Opfer von Gewaltdelikten im Untersuchungszeitraum gegenüber 2014 halbiert - obwohl deren Zahl ebenfalls angestiegen ist, wie die Statistik des Bundeskriminalamtes zeige. "Das führt zu einem verzerrten Bild und kann Vorurteile in der Bevölkerung anheizen", macht der Medienwissenschaftler die soziale Brisanz deutlich.

Die Ergebnisse

Allen voran die Bild-Zeitung, hätten auch deutsche Tageszeitungen zwischen Januar und April 2017 über Ausländer häufig im Kontext von Kriminalität berichtet. So habe die Bild Ausländer vor allem dann erwähnt, wenn sie einer Straftat verdächtigt wurden - das war laut Analyse in 64,3 Prozent der Berichte über Einwanderer oder Flüchtlinge der Fall. Süddeutsche Zeitung (39,5 Prozent) und Frankfurter Allgemeine Zeitung (38,2 Prozent) thematisierten seltener Kriminalität. In der taz gehe es mit 18,6 Prozent der Artikel über Nichtdeutsche deutlich weniger um Straftaten.

Insgesamt hatte Medienwissenschaftler Hestermann 283 Artikel aus SZ, FAZ, Bild und taz sowie 67 TV-Beiträge aus den Hauptnachrichten und Boulevardmagazinen öffentlich-rechtlicher und privater TV-Sender ausgewertet. Die Artikel und TV-Beiträge wurden dann für die Analyse ausgewählt, wenn sie von Eingewanderten und Geflüchteten, die in Deutschland leben, handeln.

Hestermann leitet seit zehn Jahren das Forschungsprojekt zur TV-Berichterstattung über Gewaltkriminalität in Zusammenarbeit der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen und dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen.

Die deutschen Medien haben den gewalttätigen Einwanderer als Angstfigur neu entdeckt.Journalismus-Professor Dr. Thomas Hestermann
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