Der Puppenspieler von Istanbul
Der Anschlag nützt Erdogan

Wieder erschüttert ein Bombenanschlag Istanbul. Mindestens 38 Tote, die meisten davon Polizisten, und 150 Verletzte hat die türkische Metropole zu beklagen. Die Menschen sind nach der Tragödie geschockt und verängstigt. Währenddessen verspricht Präsident Recep Tayyip Erdogan mit gewohnt markiger Diktion "Vergeltung" und spricht von "Rache".

Erneut spielt die Gewalt dem Präsidenten bei der stetigen Umgestaltung des Staats nach seinen Vorstellungen in die Hände. Dabei nutzt er geschickt das kleine Einmaleins der Machterweiterung durch wachsende Angst und das gesteigerte Bedürfnis nach Sicherheit. Dass sich der Angriff dazu gegen Polizeikräfte richtete, die die Menschen schützen sollen, verstärkt die allgemeine Unsicherheit.

Erdogans international kritisierte Linie der letzten Monate mit Tausenden Verhaftungen, Entlassungen oder der Aberkennung der Immunität der prokurdischen HDP-Abgeordneten wird durch den Anschlag quasi wieder ein Stück weit beim türkischen Volk legitimiert. Dabei entsteht langsam ein Wir-Gefühl wider besseren Wissens: Die Menschen stehen vermehrt hinter seinen harten Reaktionen auf "den Terror" und die Bevormundung durch das Ausland. Dies erleichtert das Umsetzen neuer Befugnisse und Restriktionen. Zuletzt erschwerte die Türkei deutschen Diplomaten die Ein- und Ausreise.

Egal, wie die nächsten Schritte aussehen werden. Die provozierten Reaktionen werden sicher nicht ausbleiben: Die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK antwortet mit neuen Anschlägen, Europa mit mehr oder weniger scharfen, verurteilenden Worten. Erdogan dreht damit weiter an der Spirale der Bedrohung und dem Gefühl im Volk, dieser ohne ihn ausgeliefert zu sein. Bis hin zum gewünschten Präsidialsystem.

tobias.schwarzmeier@oberpfalzmedien.de
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