03.12.2017 - 21:08 Uhr
Deutschland & Welt

Die Bundeswehr und ihr Umgang mit der Vergangenheit Auf der Suche nach Helden

Wegen rechtsextremer Umtriebe in der Bundeswehr will Verteidigungsministerin von der Leyen Klarheit im Umgang mit der Wehrmacht. Worauf dürfen deutsche Soldaten stolz sein?

Im Aufenthaltsraum des Jägerbataillons 291 der Bundeswehr in Illkirch bei Straßburg (Frankreich) hängt eine Maschinenpistole, die bei der Wehrmacht eingesetzt wurde, an der Wand. Links daneben ein deutschen Soldat aus der Zeit des zweiten Weltkriegs als Wandbild. Bild: Patrick Seeger/dpa
von Agentur DPAProfil

Berlin. Es waren wilde Zeiten in der Bundeswehr. Am 26. April wird der Oberleutnant Franco A. verhaftet. Terrorverdacht. Der damals 28-Jährige soll als Flüchtling getarnt einen Anschlag geplant haben. Die Rede ist bald von einem ganzen rechtsextremen Netzwerk in der Truppe. Der Skandal löst eine Debatte aus über Hakenkreuze, Landser-Bilder und Wehrmachtsfotos. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) gerät unter Druck wie nie zuvor in ihrer Amtszeit - und sie zieht deshalb alle Register. Sie lässt Liegenschaften nach Wehrmachtsandenken durchkämmen. Und sie lässt das Traditionsverständnis überarbeiten. Denn der Traditionserlass der Bundeswehr ist bereits 35 Jahre alt.

Seit 1982 ist viel passiert: Das Ende des Kalten Kriegs. Bündnisverpflichtungen in der Nato. Die Aussetzung der Wehrpflicht. Weltweite Einsätze. Die Truppe sucht Traditionen und ringt seit jeher gleichzeitig mit ihrem geschichtlichen Erbe. In einem aktuellen Arbeitspapier der Bundesakademie für Sicherheitspolitik heißt es, weil sich keine der bisherigen Traditionslinien auf explizite Kampfhandlungen bezögen, stellten Soldaten immer wieder Bezüge zur Wehrmacht her - und blendeten damit verbundene Verbrechen aus.

Auf wen und was dürfen Soldaten heute stolz sein? Welche Kriegsbilder dürfen sie an die Wand hängen, welche Devotionalien sammeln? "Bundeswehrsoldaten sollen nicht nur kämpfen können, sondern auch wissen wofür - das ist unsere freiheitlich-demokratische Ordnung", sagt der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels (SPD). "Traditionspflege kann helfen, dass nicht falsche Vorbilder in die Köpfe kommen." Sonst suchten die Soldaten ihre Vorbilder woanders. Der Fall Franco A. führte vor Augen, wie groß die Verunsicherung ist. Ein Bild von Altkanzler Helmut Schmidt in Wehrmachtsuniform wurde im Flur eines Wohnheims der Hamburger Bundeswehr-Uni in vorauseilendem Gehorsam abgehängt, dann später wieder aufgehängt - mit einer Erläuterung, dass Schmidt bereits als junger Reserveoffizier durch Kritik an der NS-Führung auffiel. Von der Leyen hatte erklärt, den Soldaten mit der Überarbeitung des Erlasses "Orientierung und Halt" geben zu wollen. Mehrere Monate und Workshops später liegt nun der Entwurf vor. Kernaussage: Die Bundeswehr muss mehr auf sich selbst stolz sein, ihre Vorbilder in ihrer eigenen Geschichte suchen. Wer Orientierung in früheren Zeiten finden will, soll Personen, Geschehnisse, Andenken in den historischen Kontext einordnen - militärische Exzellenz alleine reicht nicht für eine Vorbildfunktion. Weder die Wehrmacht noch die Nationale Volksarmee der DDR könnten Tradition begründen, steht in dem Papier - Einzelfälle ausgenommen, je nach persönlicher Schuld und Verdiensten. Konkrete Vorbilder oder Beispiele nennt der Entwurf nicht.

So mancher Offizier hält die Debatte für unnötig. Bartels findet von der Leyens Vorstoß richtig. Für Kompaniechefs und Bataillonskommandeure schaffe der neue Entwurf "ein bisschen mehr" Handlungssicherheit. Der Linken-Politiker Alexander Neu hält eine Gleichstellung von Wehrmacht und NVA für "völlig inakzeptabel". Zudem biete der Entwurf weiterhin Interpretationsspielräume im Umgang mit der Wehrmacht.

Man befinde sich derzeit noch "in einer breiten Beteiligungsphase", heißt es nur aus dem Ministerium. Die Gremien der Truppe feilen jetzt an dem Entwurf. Wann er beschlossen wird, ist unklar - auch, inwieweit er den Soldaten mehr Sicherheit im Selbstverständnis geben wird. Sicher ist: Rechtsgesinnte Soldaten wie Franco A. dürften sich davon wenig beeindrucken lassen. Aber die Bundeswehr hat sich zumindest intensiv mit ihren Traditionen beschäftigt.

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