26.02.2018 - 18:20 Uhr
Deutschland & Welt

Die CDU zeigt, wem ihr Herz gehört Ungekrönte Kronprinzessin

Wochenlang murrt die CDU, dass die Kanzlerin der SPD das Finanzministerium überlässt. Auf dem Parteitag bekommt Merkel dann doch alles, was sie will. Und die CDU zeigt, wem ihr Herz gehört.

Tobias Hans. Bild: Oliver Dietze/dpa
von Agentur DPAProfil

Berlin. Wem in der CDU derzeit die Herzen gehören, wird spätestens am Montag gegen 16 Uhr klar. "Der Star ist die Mannschaft, der Star ist die CDU", ruft Annegret Kramp-Karrenbauer da den Delegierten des CDU-Parteitags in Berlin zu - und bekommt rauschenden Applaus im Stehen, bevor sie überhaupt als neue Generalsekretärin gewählt ist. Fast 99 Prozent sind dann ein Rekordergebnis - es gibt nur 9 Nein-Stimmen. Und jeder im Saal weiß: Hier redet die ungekrönte Kronprinzessin von Parteichefin Angela Merkel.

Eine inhaltliche Erneuerung der Partei kündigt AKK, wie sie intern genannt wird, an - und streichelt dann die nach der Schmach bei der Bundestagswahl verletzte Seele der Christdemokraten. Sie wolle die CDU als Volkspartei wieder stärker machen, ruft die noch amtierende Saar-Regierungschefin. Und wie als Appell an Jens Spahn, Merkel-Kritiker, Hoffnungsträger der Konservativen in der Partei und designierter Gesundheitsminister, kündigt Kramp-Karrenbauer an, sie wolle alle Flügel der Partei in die anstehende Programmdebatte integrieren.

Als das Abstimmungsergebnis bekanntgegeben wird, fällt fast die ganze Parteispitze AKK um den Hals. Merkel gratuliert zuerst. Ihr dürfte die große Rückendeckung für die neue Parteimanagerin gefallen, schließlich war Kramp-Karrenbauer Merkels Überraschungskandidatin für das Amt. Sowieso kann die Kanzlerin nach dem Parteitag zumindest vorläufig aufatmen - die Reflexe ihrer Partei haben funktioniert. Nach stundenlanger kontroverser Debatte stellen sich die knapp 1000 Delegierten doch sehr klar auf die Seite Merkels und den von ihr ausgehandelten Koalitionsvertrag mit der SPD. Es gibt nur 27 Nein-Stimmen.

Am Wochenende könnte die Regierungsbildung am Nein der SPD-Mitglieder zum ausgehandelten Abkommen mit CDU und CSU aber noch platzen. Das größte und wirtschaftlich stärkste Land Europa wäre dann wohl tatsächlich in der Krise. Kein Wunder, dass die CDU offene Attacken gegen die SPD tunlichst vermeidet. Sehr eindringlich appelliert Merkel an das Verantwortungsbewusstsein ihrer Partei. "Keiner sollte sich etwas vormachen, welches Bild in den vergangenen Wochen Politik abgegeben hat", ruft sie in den Saal. "Welcher Stil, welche Taktierereien, welches selbstbezogenes Herummosern so manche Debatte gekennzeichnet hat - das alles war und ist wirklich kein Ruhmesblatt für die Politik."

Neben der fast schon sprichwörtlichen Geschlossenheit der CDU in der Krise ist auf dem Parteitag zu besichtigen, wie sich das Verhältnis Merkels zu einem ihrer schärfsten Kritiker entwickeln könnte. Als das Ergebnis der Abstimmung über den Koalitionsvertrag verkündet wird, applaudiert natürlich auch Jens Spahn. Er hat ihn schließlich mit ausgehandelt.

Ob ihn aber doch wurmt, dass der Kanzlerin mit ihrem Personaltableau für Regierung und Partei zumindest vorläufig ein Befreiungsschlag gelungen ist? Dabei hat Merkel den Vertrag in ihrer Rede routiniert abgearbeitet. Sie lobt die Verbesserungen für Familien und Kinder, in der Pflege und all die anderen Wohltaten im Abkommen mit SPD und CSU. So richtig springt der Funke meist nicht über. Der Beifall kommt verlässlich, bleibt aber lau. Rhythmischen Applaus gibt es immer dann, wenn die Kanzlerin die Verdienste jener Minister würdigt, die ihrer Regierungsbildung zum Opfer gefallen sind. Als sie dem scheidenden Gesundheitsminister Hermann Gröhe bescheinigt, er habe mit großer Energie das Gesundheitssystem verbessert, wollen die Delegierten fast nicht mehr aufhören, im Stehen zu klatschen. Auch Thomas de Maizière, der aus dem Kabinett ausscheidet, weil die CSU das Innenressort beansprucht, bekommt weit mehr als höflichen Applaus.

Zurück zu Spahn: Dass es mit der Nachwuchshoffnung der Konservativen für Merkel eine angespannte Arbeitsbeziehung werden könnte, lässt sich zu Beginn des Parteitags erahnen. Als die Mitglieder der Parteispitze das Podium betreten, treffen sich die Blicke der Kanzlerin und ihres designierten Gesundheitsministers nicht. Als Merkel später die neuen Kabinettsmitglieder aufzählt, passiert ihr bei Spahn auch noch ein Lapsus. Versehentlich ordnet sie ihrem Rivalen das Agrarressort zu. Ob es ihm hilft, dass Merkel dann noch davon spricht, dass die CDU mit dem Gesundheitsministerium jenes Ressort besetze, "bei dem wir sichtbar machen können, was für uns als Union das C im konkreten Handeln" sei? Das klingt wie ein großer Auftrag - er kann eine Chance für Spahn sein, aber auch eine Last.

Während die Delegierten der Vorsitzenden nach ihrer Rede viereinhalb Minuten lang stehend Applaus spenden, sendet Merkel dann doch noch ein wichtiges Signal an Spahn und in die Partei. Sie geht auf den Münsterländer zu, schüttelt ihm als einzigem auf dem Podium die Hand und macht Scherze. Bei den Delegierten dürfte die Geste als öffentliches Angebot für gute Zusammenarbeit angekommen sein.

Tobias Hans: Vom Fraktionsvorsitzenden in zweiter Generation zum Ministerpräsidenten

Die CDU sollte nach Ansicht des designierten saarländischen Ministerpräsidenten Tobias Hans (CDU) ihr konservatives Profils schärfen. "Es geht darum, dass es einen Raum gibt auch für das Konservative in einer CDU", sagte er in Saarbrücken. Er halte "eine christdemokratische Partei für im Grunde immer konservativ". Er warnte aber: "Ich sehe es so, dass wir jetzt nicht anfangen sollten als Union, Etikettendiskussionen zu führen." Für die Menschen sei nicht wichtig, ob das Wort "Leitkultur" in Grundsatzprogramme oder Gesetze geschrieben werde. Hans stellt sich am Donnerstag im Landtag zur Wahl als neuer Regierungschef der Großen Koalition von CDU und SPD. Der 40-Jährige hat im Saarland eine schnelle und steile Karriere gemacht. Schon als 16-Jähriger trat er in die CDU ein, seit November 2015 ist er Vorsitzender der CDU-Fraktion im Landtag. Er ist sozusagen Fraktionsvorsitzender in zweiter Generation. Schon sein Vater Peter Hans führte die CDU-Landtagsfraktion von 1999 bis zu seinem Tod 2007.

Bei allen Karriereschritten hat er sich an eine Weisheit der Dakota-Indianer gehalten, die er auf seiner Internet-Homepage als Lieblingszitat bezeichnet: "Wenn du entdeckst, dass du ein totes Pferd reitest, steige ab." Sein Studium (Informationswissenschaft, Wirtschaftsinformatik und Anglistik) an der Universität des Saarlandes war dementsprechend kurz: Schon 1998, ein Jahr nach dem Abitur, heuerte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter einer psychosomatischen Fachklinik an. 2006 wechselte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter zur CDU-Landtagsfraktion, um schon ein Jahr später persönlicher Referent des Justiz- und Gesundheitsministers Josef Hecken zu werden. Dort habe er "Verwaltungserfahrung und fachliche Expertise" sammeln können, berichtete er. Zugleich war er vielerorts in der Landes-CDU tätig: im heimischen Ortsverband Münchwies, im Kreisverband Neunkirchen und seit 2012 auch als parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Landtagsfraktion. In Form hält sich Hans mit Laufen und Reiten. Er lebt er mit seiner Frau auf einem Pferdehof inmitten von Ställen und Koppeln. (dpa)

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