04.09.2017 - 21:28 Uhr
Deutschland & Welt

Erneuter Streit um mehr Kräfte an Bayerns Schulen Verbände warnen vor neuen Wellen von Lehrermangel

Die Schulen sind gut ausgestattet mit Lehrern - sagt das Kultusministerium. Es wird wieder nicht reichen - sagen die Lehrer. Wieder gibt es Streit um mehr Kräfte an den Schulen in Bayern.

"Bayern sollte eine Überversorgung vorhalten." Zitat: Simone Fleischmann, BLLV-Präsidentin
von Agentur DPAProfil

München. Vom kommenden Schuljahr zeichnet das Kultusministerium in Bayern ein positives Bild - doch die Lehrer trauen dem nicht. "Zum ersten Schultag wird alles pronto sein. Dafür wird alles getan", sagte die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), Simone Fleischmann. "Aber wir werden trotzdem nach einigen Monaten wieder überrollt werden und wieder da stehen, wo wir schon so oft standen." Dann würden erneut zahlreiche Lehrer fehlen. Für rund 1,7 Millionen Schüler und mehr als 100 000 Lehrer in Bayern beginnt am 12. September der Unterricht.

Wenn Bayern bei der Digitalisierung in den Schulen Vollgas gebe, sagte die Verbandschefin, dann müssen Lehrer in Fortbildungen gehen - die dann im Unterricht fehlen. Hinzu kommen Lücken durch Kräfte, die während des Schuljahres in Pension gehen, durch Krankheiten und Schwangerschaften. "Bayern sollte eine Überversorgung vorhalten", forderte Fleischmann. Der Freistaat solle die mobile Reserve deutlich aufstocken, damit die Schulen in Notsituationen mehr Lehrer zur Verfügung haben als in vergangenen Jahren. Die Vorurteile gegen mobile Kräfte will Fleischmann abbauen: "Ein Lehrer, der als Reserve an einer Schule ist, bohrt nicht in der Nase." Er könne im Notfall den Standard aufrechterhalten, und ansonsten da sein für kleinere Gruppen oder einzelne Schüler.

13,8 Schüler pro Lehrer

Das Kultusministerium dagegen zeigt sich überzeugt, ausreichend viele Lehrer zu haben. "Der Unterricht ist zum neuen Schuljahr sichergestellt", heißt es aus dem Haus von Ludwig Spaenle (CSU). Ein Lehrer werde auf 13,8 Schüler kommen, wie bisher. Bayern hat zum neuen Schuljahr mehr als 4000 Lehrer neu eingestellt - in der Mehrzahl aber als Ersatz für ausscheidende Kollegen. Für die Inklusion, also die Einbindung behinderter Schüler in den Unterricht, stellt der Freistaat 100 weitere Lehrer zur Verfügung.

Den BLLV und auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) stellt das nicht zufrieden. "Neue Stellen nützen erst einmal nichts", sagte BLLV-Chefin Fleischmann. Sowohl für die Bildung von Zugewanderten als auch bei der Inklusion gebe es nicht genug Kräfte. Das sagte selbst Ministerpräsident Horst Seehofer. Kultusminister Spaenle habe ihm berichtet, "dass wir an der Anschlagkante sind mit der Integration von Migrationskindern". "Denn wir bekommen ja teilweise gar nicht mehr die Lehrer."

Die GEW in Bayern erwartet für das kommende Schuljahr ebenfalls einen akuten Lehrermangel. Um den - und die gleichzeitige Arbeitslosigkeit vieler Lehrer - zu beheben, fordert die Gewerkschaft eine Reform der Ausbildung. In Richtung Stufenlehrkräfte, die flexibel in mehreren Schularten einsetzbar wären. Das Studium soll sich dabei nicht nach Schularten richten, sondern nach dem Alter der Schüler.

In diesem Schuljahr wird das Problem hinter dieser Forderung nach Ansicht des Vorsitzenden des Kultusausschusses, Martin Güll (SPD), noch voll einschlagen. "Noch nie gab es so viele Lehrkräfte, die in ausbildungsfremden Schularten unterrichten werden", sagte er. "Und noch nie war gerade in den Pflichtschulen wie Grund-, Mittel- und Berufsschulen die Personaldecke so dünn, so dass wir schon im Spätherbst Unterrichtsausfälle in noch nie da gewesenen Dimensionen haben werden." Die CSU-Bildungspolitik sei gescheitert.

Stiftung sagt Boom voraus

Das Kultusministerium provoziere mit falschen Schülerprognosen sogar noch eine weitere Verschlechterung, kritisierte Güll schon vor den Ferien. Anders als das Ministerium sage eine Studie der Bertelsmann-Stiftung einen Schüler-Boom voraus. 2030 sollen dieser Schätzung nach acht Prozent mehr Kinder und Jugendliche die Schulbank drücken als heute. In der Folge seien Unterrichtsausfälle an der Tagesordnung. Spaenle verfolge keine vorausschauende Personalplanung.

Das Ministerium hielt dem entgegen, jedes Jahr eine aktuelle Schülerprognose zu erstellen. Seit 2014 würden die Schulen, vor allem wegen steigender Zahlen an Grundschulen, entsprechend mit Lehrkräften versorgt. Auch auf die massive Zuwanderung von jungen Menschen seit 2015 habe Bayern mit zusätzlichen 1079 Planstellen und mehreren Hundert Beschäftigungsmöglichkeiten unmittelbar reagiert.

Bayern sollte eine Überversorgung vorhalten.Simone Fleischmann, BLLV-Präsidentin

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