01.10.2017 - 21:48 Uhr
Deutschland & Welt

Erste gleichgeschlechtliche Ehe in Deutschland Endlich gleiche Rechte

Das Rathaus Schöneberg war am Sonntag Schauplatz einer Deutschland-Premiere. Das Paar Karl Kreile und Bodo Mende trat vor den Standesbeamten. Als erstes verheiratetes schwules Paar erfüllt sich für sie ein Generationentraum.

Bodo Mende (links) und Karl Kreile und zeigen die Urkunde über ihre Eheschließung. Foto: dpa
von Agentur DPAProfil

Berlin. Seit 38 Jahren sind Bodo Mende und Karl Kreile ein Paar, am Sonntagmorgen durften sie offiziell heiraten. "Wir hoffen, dass von dieser Hochzeit eine Signalwirkung ausgeht und viele andere gleichgeschlechtliche Paare ebenfalls heiraten werden", sagte Mende nach der Trauung im Rathaus Schöneberg. Das Ja-Wort fiel nicht im Trausaal des Standesamtes, sondern in einem etwas größeren Festsaal. Rund 100 Gäste hatten die Zeremonie in dem mit Regenbogenfahnen geschmückten Saal verfolgt. Nachdem der Standesbeamte die Ehe für geschlossen erklärte, fielen die berühmten Worte: "Sie dürfen sich jetzt küssen." Das frische Paar wurde mit einem langanhaltenden Applaus gefeiert.

Kreile und Mende verliebten sich 1978 ineinander. Den ersten - vergeblichen - Gang vors Standesamt traten sie vor 25 Jahren an. Schwule und lesbische Paare deutschlandweit bestellten bei der "Aktion Standesamt" 1992 das Aufgebot - wissend, dass es hoffnungslos war. Abgewiesen wurden alle, die Nachricht von der Aktion aber schaffte es an die Spitze der ARD-"Tagesschau". "Ich empfand mich als zurückgesetzt und gekränkt, dass man unsere Beziehung nicht als wert erachtet, so gesehen zu werden wie die anderen Beziehungen auch", erzählt Kreile. "Es wurde so getan, als ob wir nur Individuen sein dürfen, Sex-Individuen, das war's", fügt Mende hinzu. "Dass wir soziale Beziehungen haben, das wurde tabuisiert, das war der Skandal eigentlich. Deshalb ist unsere Generation dadurch geprägt, diesen Skandal beenden zu wollen."

Ein Jahrzehnt später kam der Durchbruch: Im Juli 2002 bestätigte das Bundesverfassungsgericht, dass das ein Jahr zuvor verabschiedete Lebenspartnerschaftsgesetz mit dem Grundgesetz vereinbar war. Kreile und Mende traten ein zweites Mal vor Standesbeamte, verließen das Rote Rathaus als Mann und Mann und schmissen "zur Hochzeit von Bodo und Karl" eine Riesenparty. 2015 lebten laut Mikrozensus 43 000 "verpartnerte" Paare in Deutschland, fast die Hälfte aller 94 000 zusammenlebenden homosexuellen Paare.

Für sich und ihr Umfeld galten Mende und Kreile als verheiratet, rechtlich aber nicht: Von Miet- bis Erb- und Steuerrecht, zur Adoption leiblicher Kinder kam die Angleichung an die Rechte heterosexueller Eheleute erst nach Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht. "Die Pflichten waren vom ersten Tag an wie bei Ehepaaren, aber die Rechte waren minimal. Jedes Zugeständnis der Politik war durchgeklagt und dauerte Jahre", sagt Kreile.

Nun haben die beiden erneut geheiratet. Statt einer Riesenparty ist diesmal Ruhe im Grünen geplant. Viel ändern wird sich nicht: Kinder adoptieren, das bedeutendste Recht, das gleichgeschlechtlichen Paaren verwehrt blieb, wollen sie nicht. Aber in ihrem Umfeld machten sich schwule und lesbische Paare in den Dreißigern über das Kinderkriegen Gedanken, erzählen sie. Die neue Generation könne sich endlich anderen Problemen widmen und über die gleichen Dinge nachdenken wie heterosexuelle Mittdreißiger.

Nun sei die staatliche Diskriminierung vorbei - gesellschaftlich sei die gleiche Anerkennung noch lange nicht selbstverständlich, noch immer gebe es Anfeindungen auf der Straße, betont Mende. Aber: "Jetzt haben wir eine Situation erreicht, wo wir das erste Mal sagen können: Wir sind gleichberechtigt. Und an diejenigen, die uns angreifen, auf der Straße ganz alltäglich: Ihr habt unrecht."

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