28.06.2005 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Gericht setzt auf Gutachten: Stephan B. wollte Einbruch vertuschen - Unvermindert schuldfähig Lebenslänglich für Mareikes Mörder

Mit dem Urteil zog die 2. Strafkammer des Landgerichts Regensburg am Montag einen Schlussstrich unter den "Fall Mareike". Richter Werner Ebner befand den Angeklagten Stephan B. für schuldig des Mordes. Der 31-jährige frühere Textilarbeiter habe im Oktober 2003 sein Opfer erwürgt, um seinen Wohnungseinbruch bei Mareike zu vertuschen.

Die 20-jährige Mareike Goszczak: Sie wurde im Oktober 2003 das Opfer des 31-jährigen Textilarbeiters Stephan B. (Bilder: dpa)
von Redaktion OnetzProfil

Die "gesetzliche Aufarbeitung einer menschlichen Tragödie, die monatelang die Öffentlichkeit in Atem gehalten hatte" (so Ebner), hatte sich das Gericht wahrlich nicht leicht gemacht. Zwei psychiatrische Gutachten, Dutzende von Zeugenvernehmungen, eine DNA-Analyse der von Stephan B. gestohlenen Slips der Ermordeten, eine weitere Untersuchung auf Spermaanhaftungen, die negativ verlief - die Beweisaufnahme schleppte sich wochenlang dahin.

Eigentümliches Verhalten

Von Anfang an herrschte großer Medienrummel um den Fall der über ein halbes Jahr verschwundenen jungen Frau. Ihr tragisches Ende wurde letztlich nicht durch die eingesetzte Sonderkommission aufgeklärt, sondern dadurch, dass das eigentümliche Verhalten des Täters gegenüber den Freundinnen der Toten diese und die Polizei auf seine Fährte brachten.

Vorher war der Mörder mehrfach als Zeuge vernommen worden. Stephan B. hatte Mareike Goszczaks Leiche so gut versteckt und alle Spuren so gründlich beseitigt, dass das Schicksal der Vermissten ungewiss blieb. Seine häufigen Besuche bei der Mutter seines Opfers, seine Beteiligung an der Suche der Vermissten führten alle Beteiligten lange Zeit in die Irre. Eben diese Strategie war für das Gericht auch ein Indiz für die unverminderte Schuldfähigkeit des Mörders.

Gutachten überzeugte

Eine Stunde und 40 Minuten nahm sich Vorsitzender Werner Ebner Zeit für die Urteilsbegründung, die sich maßgeblich auf das "überzeugende Gutachten von Professor Dr. Henning Sass" stützte. Der Richter verlas denn auch große Teile dieses Gutachtens. Zusammen mit Zeugenschilderungen und den eigenen Angaben des Angeklagten zeichnet es das Bild eines Sonderlings, scheu, schüchtern, ohne Selbstbewusstsein, ohne Freunde oder überhaupt soziale Kontakte und psychosexuell retardiert.

Andererseits hat Stephan B., der heute noch Bettnässer ist, der als Schüler schlechte Noten hatte und eine Sprachheilschule besuchte, durchaus gute Berufszeugnisse. Seine Arbeit leistete er gut. Seine Hobbys - Aquarien und Videogeräte - waren die einzigen Bereiche, in die er Geld steckte. Denn für seinen Lebensunterhalt brauchte er monatlich nur zehn bis 15 Euro: Er ernährte sich von Altbrot und altem Gemüse, das Discountmärkte zum Abholen herausgestellt hatten, und kleidete sich aus dem Altkleidercontainer.

Als im Herbst 2002 Mareike Goszczak als Arbeitskollegin in sein Leben trat, verliebte er sich in sie und konzentrierte seine ganze Aufmerksamkeit auf die junge, lebenslustige und beliebte Frau. Das Gericht sieht - eng am zweiten psychiatrischen Gutachten angelehnt - allerdings keine sexuellen Motive für den Mord. Es folgt den "schlüssigen Aussagen der ersten Beschuldigtenvernehmung" Stephan B.s am 1. April 2004.

Damals schilderte der Verurteilte die Vorfälle jener Nacht vom 13. Oktober 2003 so, wie sie ihm die Staatsanwaltschaft später zur Last legte: Er sei in Mareikes Wohnung eingestiegen, um Unterwäsche zu stehlen. Als er im Flur auf die junge Frau stieß sei es zu der tödlichen Auseinandersetzung gekommen.

Wenn eine Schuldminderung vorgelegen habe, dann allenfalls beim Einsteigen in die Wohnung, nicht während und nach der Tat, die auch nicht im Affekt verübt worden sei. Für seinen Verteidiger Dr. Georg Karl ist "das letzte Wort noch nicht gesprochen" - er wird wohl in Revision gehen. Mareikes Mutter Jeanette Raab zeigte sich erleichtert. Sie habe dieses Urteil gewünscht.

Aktualisierung 12.10.2018

Im Oktober 2018 hat der TV-Sender RTL in seiner Reportagereihe "Es war Mord!" den Fall Mareike aufgegriffen. 

 

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