Großes Mnöver russischer und weißrussischer Sodlaten
Moskaus Muskelspiele

Ein Mann beobachtet russische Militärflugzeuge. Am Donnerstag beginnt eine Militärübung russischer und weißrussischer Soldaten an den Grenzen Polens und Litauens. Archivbild: Pavel Golovkin/dpa

Zuerst der Nahkampf, dann kommt im Manöverplan der Atomkrieg: Moskau und Minsk lassen bei einer Großübung an der Westgrenze die militärischen Muskeln spielen. EU-Länder und die Nato sind besorgt. Zu Recht?

Moskau/Brüssel. Russische und weißrussische Generäle berichten, was in wenigen Tagen in Osteuropa durchgespielt wird. Zuerst erklären Separatisten der fiktiven von Weißrussland abtrünnigen Republik Weischnoria die Unabhängigkeit. Rückendeckung bekommen sie von den Nachbarländern Wesbaria und Lubenia. Doch Moskau und das eng verbündete Minsk sind bereit, sich dem Feind entgegenzustellen. Und das mit allen Waffen, die Kremlchef Wladimir Putin und sein Kollege Alexander Lukaschenko zur Verfügung stehen. Das Szenario ist der Ausgangspunkt für das nächste große Militärmanöver russischer und weißrussischer Streitkräfte. Es beginnt an diesem Donnerstag an der Grenze zum Baltikum und wurde "Sapad" (Westen) genannt.

Nach offiziellen Angaben werden an sechs Truppenübungsplätzen nahe Minsk 7200 weißrussische und 5500 russische Soldaten - also insgesamt 12 700 Mann - für den Ernstfall trainieren. Verteidigungsminister Sergej Schoigu will das Manöver zu dem "bedeutendsten Ereignis für die Streitkräfte" machen. Es habe aber "rein defensiven Charakter", heißt es aus seinem Ministerium.

Die osteuropäischen Nachbarn und die Nato haben daran Zweifel. Russland-Kritiker vermuten, das die nur auf den Skizzen der Moskauer und Minsker Generäle existierenden Namen Wesbaria und Lubenia für die EU- und Nato-Mitglieder Litauen und Lettland stehen könnten. Die Regierungen der Baltenstaaten sind in Alarmbereitschaft, zusätzliche US-Kampfjets wurden nach Litauen verlegt. Auch US-Kriegsschiffe werden demnächst in der Ostsee erwartet.

Abschreckung lautet das Motto - auch wenn außerhalb der Baltikums kaum einer wirklich nervös ist. Die Nato sei wachsam, sehe aber "keine unmittelbare Gefahr", sagte am Mittwoch Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg bei einem Besuch eines Bündnisstützpunktes in Estland. Die Allianz hatte bereits dem nach Ausbruch der Ukraine-Krise im Jahr 2014 ihre Präsenz im östlichen Bündnisgebiet erheblich erhöht. Kritik an "Sapad" gibt es dennoch auch von der Nato. Die Übung wird nämlich als Paradebeispiel dafür gesehen, dass Russland sich nicht an internationale Spielregeln hält.

Bundesverteidigungsministern Ursula von der Leyen (CDU) geht davon aus, dass "über 100 000" Soldaten an dem Manöver teilnehmen werden. Die Zahl von 12 700 nennt Russland demnach nur, um Verpflichtungen zu umgehen, die es als Mitglied der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) eingegangen ist. Diese sehen unter anderem vor, dass OSZE-Staaten bei Militärmanövern mit mehr als 13 000 Soldaten eine umfangreiche Beobachtung ermöglichen. Selbst das Überfliegen das Manövergebiets und Gespräche mit beteiligten Soldaten wären demnach erlaubt.

Die entscheidende Frage könnte in diesem Jahr lauten: Welche Übungen gehören eigentlich zu "Sapad"? Denn gleichzeitig zum Herbstmanöver üben auf der Halbinsel Kola wie auch in der russischen Enklave Kaliningrad zusätzliche Truppen; die Nordflotte trainiert etwa auf russischem Territorium nahe dem Baltikum. So oder so: Sanktionsmöglichkeiten hat die Nato kaum.
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