"Jahrbuch Sucht" veröffentlicht
Mortler: Bier und Schnaps zu billig

(Foto: Ole Spata/ZB/dpa)

Berlin. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, hat nach der Veröffentlichung des neuen "Jahrbuchs Sucht" höhere Preise für Bier und Schnaps in Deutschland gefordert. "Wir sollten darüber sprechen, ob Preise von weniger als 20 Cent für einen halben Liter Bier oder weniger als vier Euro für Spirituosen sein müssen", sagte die CSU-Politikerin dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Das "Jahrbuch Sucht" stellt jedes Jahr Statistiken zu legalen und illegalen Drogen in Deutschland zusammen und ergänzt sie mit eigenen Daten zur Suchthilfe. Danach konsumierten alle Bundesbürger über 15 Jahre im Schnitt umgerechnet rund 10,7 Liter reinen Alkohol - das entspricht in etwa einem gefüllten Eimer.

Diese neuen Berechnungen beziehen sich laut Jahrbuch auf die jüngsten Zahlen für das Jahr 2015. Im internationalen Vergleich sei Deutschland ein Hochkonsumland, sagte Ulrich John, Leiter des Instituts für Sozialmedizin an der Universität Greifswald, am Mittwoch bei der Vorstellung des Jahrbuchs in Berlin. Die Folgen sind dramatisch. So kommen laut Jahrbuch in Deutschland pro Jahr rund 10 000 Kinder alkoholgeschädigt auf die Welt. 2,65 Millionen Kinder wachsen in Deutschland mit alkoholkranken Eltern auf. Und acht Millionen Angehörige leiden an der Alkoholsucht eines Familienmitglieds mit - im Extremfall durch Gewaltausbrüche bis hin zu sexuellem Missbrauch. "Wenn wir das ändern wollen, müssen wir mehr gegen die Omnipräsenz von Alkohol unternehmen", sagte Mortler der "Passauer Neuen Presse". "Permanentes Angebot schafft Nachfrage. Ob an der Tankstelle oder bei Familienfeiern."

Raphael Gaßmann, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen, forderte ein Werbeverbot für Alkohol und Zigaretten sowie eine vereinheitlichte höhere Steuer auf alle Alkoholika. Darüber hinaus verlangte er, dass Alkohol nur an Erwachsene ab 18 Jahren verkauft wird. Dass Wein und Bier in Deutschland ab 16 Jahren zu haben seien, sei "absurd". 

Ein tiefes Fass ohne Boden
Kommentar von Frank Stüdemann

Angst, Einsamkeit, Gewohnheit, Langeweile - oder Tradition: Die Deutschen trinken aus den unterschiedlichsten Gründen Alkohol. Fakt ist laut "Jahrbuch Sucht": Sie trinken zu viel. Wer auf diesen Umstand hinweist, wird nicht nur im Bierland Bayern als Spielverderber gebrandmarkt. Denn wer will sich schon gern sein Feierabendbier oder sein Glas Wein vermiesen lassen? Und da liegt das Problem: Wann ist das Maß voll, wenn es um den individuellen Genuss geht? Und wann wird aus dem liebgewonnenen Gläschen der erste Schritt zur Abhängigkeit?

Schon die körperlichen Schäden, die Bier, Wein und Co. anrichten können, rechtfertigen Gegenmaßnahmen. Höhere Steuern und ein Werbeverbot sowie ein Heraufsetzen der Altersgrenze für den Verkauf: Alles Hebel, die der Gesetzgeber in Bewegung setzen sollte.

Noch verheerender sind jedoch die sozialen Folgen, die zu hoher Alkoholkonsum haben kann: Streit, Prügel, traumatisierte Kinder oder zerstörte Familien sind die Verwüstungen, die Süchtige oft hinterlassen. Somit kommt beim Alkohol eine Komponente dazu, die ihn heimtückischer macht als andere legale Drogen.

Ein Anfang wäre gemacht, wenn nicht nur der Konsum, sondern auch der Verzicht auf Alkohol gesellschaftlich akzeptiert würde: Wer auf einer Feier das Stamperl Schnaps oder das Seidel Bier ablehnt, aus welchem Grund auch immer, hat keine dummen Kommentare verdient, sondern Respekt.
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