Jugendprotest gegen Waffengewalt [Video]
Kämpf um dein Leben

Emma Gonzalez, Schülerin der Marjory Stoneman Douglas High School und Überlebende des Massakers in Florida, weint nach ihrer Rede mit geschlossenen Augen bei der Kundgebung «Marsch für unsere Leben», während sie solange schweigend auf der Bühne steht, wie das Schulmassaker von Parkland dauerte. Mit der Demonstration soll ein strengeres Waffengesetz in den USA erreicht werden. Foto: Alex Brandon/AP/dpa (Foto: AP)
 
Zahlreiche Schüler nehmen an der Kundgebung «Marsch für unsere Leben» teil. Mit der Demonstration soll ein strengeres Waffengesetz in den USA erreicht werden. Foto: Mike Stocker/Sun Sentinel/ZUMA/dpa (Foto: Sun Sentinel/ZUMA)

Ist die US-Debatte zur Waffengewalt an einem Wendepunkt angelangt? Hunderttausende gehen beim "Marsch für unsere Leben" auf die Straße. Im Mittelpunkt: die Überlebenden des Massakers an der Schule in Parkland, darunter Emma Gonzalez.

Washington. Minutenlanges Schweigen, immer wieder unterbrochen von Sprechchören und Applaus: Mit tränenüberströmtem Gesicht steht Emma Gonzalez lautlos auf einer Bühne in Washington. Hunderttausende Menschen schauen ihr gebannt zu, bevor ein Timer piept und die junge Schülerin mit den kurz geschorenen Haaren ihr Schweigen bricht. "Seit ich hier heraufgekommen bin (auf die Bühne), sind sechs Minuten und 20 Sekunden vergangen. Der Schütze hat aufgehört zu schießen und wird bald sein Gewehr zurücklassen, sich unter die Schüler mischen, während sie fliehen, und eine Stunde lang frei herumlaufen, bevor er verhaftet wird. Kämpfe um dein Leben, bevor es die Aufgabe eines anderen wird", sagt Gonzalez, bevor sie von der Bühne marschiert.

Gonzalez ist eine Überlebende des Massakers an der Schule in Parkland im US-Staat Florida - und zu einem der prominentesten Gesichter des Schülerprotestes geworden. Mit ihren Mitschülern kämpft sie gegen Waffengewalt und für strengere Waffengesetze. Mehr als 800 000 zogen allein am Samstag beim "Marsch für unsere Leben" durch Washington. In ihrer bewegenden Rede kehrt Gonzalez zum 14. Februar zurück. Zu dem Tag, an dem ein 19-Jähriger mit einem halbautomatischen Gewehr an ihrer Schule 17 Menschenleben auslöscht. Mit Tränen kämpfend beschreibt sie, was ihre toten Mitschüler nach diesen sechs Minuten und 20 Sekunden nie wieder tun können - und gibt ihnen so ein Gesicht. Nach dem letzten Namen bricht sie ab und schweigt unvermittelt minutenlang. Das Publikum klatscht, schreit "Never again" (Nie wieder) - und schweigt - wie Emma Gonzalez.





In Los Angeles, Seattle, New York, San Francisco und vielen anderen Städten Amerikas folgten insgesamt mehr als eine Million Menschen ihrem Beispiel, viele verfolgen das Geschehen an den Fernsehschirmen. Prominente machten mit oder spendeten Geld: Oprah Winfrey und das Ehepaar George und Amal Clooney gaben zusammen eine Million Dollar.

Es zeugt von einer ungewöhnlichen Zähigkeit im von rasend schnell wechselnden Nachrichtenzyklen geprägten Amerika, dass sich die Überlebenden von Parkland über einen langen Zeitraum Gehör verschaffen konnten. Einige Schüler kommen selbst auf die Bühne, sie geben inzwischen dem Kampf gegen Waffengewalt in den USA ein Gesicht. Tränen fließen, Stimmen überschlagen sich. Eine Rednerin muss sich am Pult vor Aufregung übergeben.

Willkommen zur Revolution

Rhetorik und Emotionen lassen keinen Zweifel daran: Diese jungen Leute haben einen festen Willen. Ein Umdenken beim Umgang mit Schusswaffen muss her. "Willkommen zur Revolution", sagt Cameron Kasky, einer der Wortführer der Schüler aus Parkland, unter dem euphorischen Jubel Hunderttausender. "Diese Demonstration ist nicht der Höhepunkt, sondern der Beginn unserer Bewegung", sagt er entschlossen.

Täglich werden in den USA Menschen mit legal beschafften Pistolen und Gewehren umgebracht, täglich kommt es zu dem, was die Amerikaner als "Mass Shooting" bezeichnen, als Schusswaffeneinsatz mit mehreren Opfern. Fast jeden Tag kommt es zu Unfällen mit Schusswaffen, bei denen etwa Kleinkinder ihre Eltern oder sich selbst erschießen, weil eine geladene Waffe in Griffweite lag.

Seit ich hier heraufgekommen bin, sind sechs Minuten und 20 Sekunden vergangen. Der Schütze hat aufgehört zu schießen und wird bald sein Gewehr zurücklassen, sich unter die Schüler mischen ... bevor er verhaftet wird.Emma Gonzales, Überlebende des Massakers an der Schule in Parkland bei der Demonstration in Washington


Die Waffenlobby, angeführt von der Schusswaffen-Organisation NRA (National Rifle Association), und ihr Einfluss auf die Politiker machen es möglich, dass der gesunde Menschenverstand bei politischen Entscheidungen ausgeblendet werden kann. Der Zugang zu Schusswaffen ist in den USA so lax geregelt wie in keiner anderen westlichen Demokratie, und die Zahl der Todesopfer durch Schusswaffen ist in den USA so hoch wie in keiner anderen westlichen Demokratie. Dennoch kommen immer wieder Politiker mit Argumenten durch, die Waffen würden für die Jagd gebraucht, und zudem sei das Recht auf Selbstverteidigung in der Verfassung festgeschrieben.

Hoffen auf Umdenken

Doch Parkland könnte etwas verändert haben. "Wir sind an einer Art Wendepunkt", sagt Anne-Marie Staudenmaier aus Washington. Die Amerikanerin mit deutschen Ahnen nimmt mit ihrer Familie an der Protestkundgebung in der US-Hauptstadt Teil. "Niemand zuvor hat so viel Enthusiasmus zum Thema Schusswaffen und Sicherheit geschaffen - obwohl es Hunderttausende Tote gegeben hat", sagt sie mit Blick auf die Schüler von Parkland.

Die im November bevorstehenden Zwischenwahlen für den US-Kongress hat die Bewegung als willkommenen Hebel für die Umsetzung ihrer Ziele ins Visier genommen. "Vote them out!" ("Wählt sie ab!") tönt es als Sprechchor aus den Reihen der Demonstranten, sobald ein Redner auf der Bühne eine Pause einlegt. Der Druck auf die Politik, endlich strengere Regeln beim Zugang zu Schusswaffen zu erlassen, wächst enorm. Präsident Donald Trumps vorsichtiges Vorgehen, nun erst einmal die Bump Stocks zu verbieten, die im Nu halbautomatische Waffen zu schnell feuernden Maschinenpistolen machen, dürfte die Demonstranten nicht zufrieden stellen.

Den jungen Leuten ist bewusst, welche enorme politische Tragweite die Wahlen zur Halbzeit der ersten Amtszeit Trumps entfalten können. In dieser aufgeladenen Situation stellen sie den Kandidaten der beiden großen Parteien eine klare Alternative: "Entweder ihr seid für uns, oder ihr seid gegen uns!" Für viele Parlamentarier bedeutet das eine harte Entscheidung: Verzicht auf die Parteispenden der Waffenlobby oder Verzicht auf Wählerstimmen.

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