Kommentar zu Donald Trump/Taiwan
Der neue US-Präsident provoziert China

Zwanghafte Optimisten haben sich seit dem Sieg von Donald Trump bei den Präsidentschaftswahlen darin geübt, dieses Mantra zu wiederholen: Wenn er erst einmal in Amt und Würden ist, wird er sich schon einsichtig zeigen - alles halb so wild. Dumm nur, dass der selbstbewusste Milliardär offenbar gar nicht vor hat, bis zu seiner Vereidigung am 20. Januar zu warten. Er lenkt die Geschicke der Vereinigten Staaten bereits jetzt, und es sieht ganz danach aus, als ob die Sorgen der Skeptiker begründet sind.

Trump hat es tatsächlich fertiggebracht, durch ein einziges Telefonat mit Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen unnötigerweise Peking auf die Palme zu treiben. Dass der künftige US-Präsident nach dem ersten Sturm der Entrüstung aus der Volksrepublik auch noch betont, er lasse sich von China nichts vorschreiben, und außerdem sei er ja angerufen worden, nicht umgekehrt, lässt jegliches diplomatisches Gespür vermissen. Indem er dann auch noch die Ein-China-Politik an sich infrage stellt, zeigt der 70-jährige Geschäftsmann, dass er eines nicht verstanden hat: Die chinesische Führung wird die Taiwan-Frage niemals als Teil eines Business-Deals mit den USA sehen. Natürlich: Dem roten Riesen muss man auch Kontra geben - vor allem, wenn es um Fragen der Menschenrechte oder um Industriespionage geht. Nur braucht man dazu diplomatisches Fingerspitzengefühl und keine Boxhandschuhe.

Kaum eines der großen Probleme der Welt dürfte sich lösen lassen, wenn die USA und China nicht an einem Strang ziehen. Damit das in den kommenden vier Jahren gelingt, müsste Trump zwei wichtige Dinge lernen: dass er nicht immer sofort bekommen kann, was er will, und dass er besser aufpasst, welchem seiner Berater er Gehör schenkt. Nachdem er in den vergangenen Tagen auch noch seine eigenen Geheimdienste vergrätzt hat, steht allerdings zu befürchten, dass das ein langer Lernprozess wird.

frank.stuedemann@oberpfalzmedien.de
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