Kommentar zu Helmut Kohl
Brillanter Netzwerker in analogen Zeiten

Während andere gerade erst in den Tag starteten, saß Helmut Kohl immer schon am Schreibtisch. Der Bundeskanzler hing am Telefon und tat das, was er am besten konnte - planen und taktieren. Bereits ein Meister der Kommunikation als die ersten Handys gerade mal Prototypen waren, das Internet in seinen Kinderschuhen steckte und Social Media kaum mehr als Gedankenspiele waren.

Der Machtmensch und Strippenzieher kannte die entscheidenden Player - bis hinein in die kleinsten Ortsverbände -, band sie in sein "System Kohl" ein und wusste sie geschickt einzusetzen. Sein Meisterstück: die in etlichen Einzel-Gesprächen mit vielen Mitstreitern auf den Weg gebrachte Wiedervereinigung. Und das Einbetten des gesamtdeutschen Staates in ein sich neu formendes Europa.

In den Geschichtsbüchern wird der durchaus polarisierende Vollblutpolitiker immer der "Kanzler der Einheit" bleiben und von den Deutschen dafür verehrt. Wie sehr Kohl auch im Ausland geschätzt wurde und noch wird, zeigen die verdienten Würdigungen des pragmatischen, eigensinnigen und verlässlichen, großen Europäers.

Das Netzwerk, das der am längsten amtierende Bundeskanzler wob, trug ihn selbst dann noch, als er sich darin verstrickte. Als mit seinem Namen im Parteispendenskandal Begriffe wie "Bimbes" oder "Aussitzen" verknüpft wurden. Seine Lebensleistung schmälert dies kaum. Er bleibt der Vorkämpfer des europäischen Gedankens, der einen wollte, statt zu spalten. Ein Staatsmann, auf dessen strahlendes Denkmal nur ein kleiner Schatten fällt.

tobias.schwarzmeier@oberpfalzmedien.de
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.