Kommentar zum Jahresschluss
2016 ist abgehakt - aber das mulmige Gefühl bleibt

Wie viel passt in ein Jahr? Eine merkwürdige Frage - und doch angebracht nach diesem seltsamen 2016. Viele sind schlichtweg froh, dass es rum ist. 2016 hat uns durchgeschüttelt und aufgerüttelt. Es war ein Jahr, das man lieber schon gestern abhaken mochte. Ein bewegtes Jahr, das kann man eigentlich immer sagen. Doch 2016 war anders, unglaublich, manchmal fast verrückt, bisweilen zermürbend - von der Silvesternacht in Köln bis zum Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz in Berlin.

Das Nachrichtenwesen ist unübersichtlicher geworden, nicht nur, weil wir fast alles in Echtzeit miterleben. Auch weil die Lüge hoffähig geworden ist. Weil 2016 auch das Jahr der Blender war. Weil längst nicht mehr nur über das zu berichten ist, was ist. Weil Lüge und Wahrheit schwerer zu unterscheiden sind als früher. Ja, gelogen wurde immer, aber nicht so schamlos, nicht mit so viel System, nicht mit so viel Dreistigkeit.

Political Correctness ist zum Schimpfwort verkommen. Und unter dem Deckmäntelchen des "Das wird man doch noch sagen dürfen" wurde der Tabubruch zum Kampfmittel. Wie oft musste gestritten werden um das Unsägliche? Für manche ist Menschenwürde zum Fremdwort geworden. Und manche akzeptieren keinerlei Autoritäten mehr - außer sich selber.

Es gibt Zeitendeuter, die 2016 in einer Reihe sehen mit Zeitenwenden wie 1989, dem Jahr, als die Mauer fiel. Oder mit 2001, als der Al-Kaida-Terror das World Trade Center einstürzen ließ. Weil auch 2016 das Fundament gelegt haben könnte für noch weit gravierendere Veränderungen. Wohin steuern die USA unter Trump? Übersteht die EU ihre Dauerkrise? Werden wir uns irgendwann gewöhnen an das Morden in Syrien? Wie wird Deutschland aussehen Ende 2017 - nach den Wahlen?

Das Unwohlsein und Unbehagen, das sich schon Ende 2015 festgesetzt hatte, ist nicht verflogen. Im Gegenteil: Das mulmige Gefühl ist noch mulmiger geworden. Weil wir mit unserer Freiheit spielen. Weil die Sicherheit so angreifbar geworden ist. Weil nicht mehr sicher ist, ob die politische Unkultur im Netz noch Demokratie ist oder schon auf ihre Zersetzung hinausläuft. Weil nicht einmal mehr in Europa der Friede unerschütterliche Gewissheit ist.

Machen Sie die Probe auf's Exempel: Denken Sie an ihre fünf positivsten Erlebnisse 2016. Keine Angst, Sie werden Sie finden, aber die Freude und die Genugtuung darüber wird kaum die Sorge über 2017 aufwiegen. Allein weil dem so ist, kann 2016 kein gutes Jahr gewesen sein. Zweckoptimisten sagen trotzig, dann könne 2017 nur besser werden. Mögen sie recht behalten.

albert.franz@oberpfalzmedien.de
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.