12.09.2017 - 21:20 Uhr
Deutschland & Welt

Kommentar zum Tod von Heiner Geißler Das soziale Gewissen eines ganzen Landes

Ein Linker, ein Demokrat, ein Christ: Weltanschauungen und Grundsätze, die sich ausschließen. Nicht für Heiner Geißler. Der Schwabe mit dem mal schelmischen, mal ganz unschuldigen Blick vermochte es, Worte einzusetzen wie scharfe Schwerter. Als Generalsekretär galt er als aggressiver und zuweilen rücksichtsloser Hetzer, der bewusst polarisierte. Rhetorisch stand er auf einer Ebene mit Franz Josef Strauß und Herbert Wehner, den alten Haudegen der Bonner Republik. Geißler war wohl einer der letzten Angehörigen dieser Art von Politikern, die sich gerne wortgewaltig und lautstark stritt. Strauß, Wehner und Geißler war gemeinsam, dass sie - höflich ausgedrückt - unkonventionell dachten und handelten.

von Alexander Rädle Kontakt Profil
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Gehorsam war nicht Geißlers Ding. Deshalb wurde es auch nichts mit der Priester-Laufbahn bei den Jesuiten - obwohl Geißler wohl zweifellos ein hervorragender Prediger geworden wäre. Seine Fähigkeit konnte er aber auch als Politiker ausleben in Talkshows, Interviews, in seinen Büchern und natürlich im Bundestag. Obwohl von Strauß und Helmut Kohl gerne als Herz-Jesu-Marxist verspottet, war Geißler weder Kommunist noch Kapitalist. Geißler suchte nach dem ausgewogenen Mittelweg, das System, das das Beste aus beiden vereint. Ihm schwebte eine Gesellschaft vor, die christlich, gerecht, sozial und ethisch fundiert sein sollte. Dieses Ziel zog sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Geißler kritisierte Hartz IV als Verletzung der Menschenwürde. Er prangerte an: "Arbeiter sind arm, weil sie Arbeiter sind." Er unterstützte Globalisierungskritiker und Amnesty International. Kritisch blieb Geißler bis ins hohe Alter, nur der Ton wurde versöhnlicher.

Geißler war das soziale Gewissen - nicht nur der Union, sondern des ganzen Landes. Dies sicherte ihm ganz zurecht Sympathien über Parteigrenzen hinweg.

alexander.raedle[at]oberpfalzmedien[dot]de

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