Kommentar zur Politik im Zeitalter des Wahlomaten
Wahl der Qual

Zwei Jungwähler vor einen Bildschirm mit der Aufschrift «Du hast die Wahl! - Wahl-O-Mat». Bild: Peter Kneffel/dpa

Es war einmal vor langer Zeit, da waren Parteien noch richtige Parteien, und Wähler kannten noch ihre eigenen Interessen. Die Arbeiter hatten ihre SPD, die Konservativen die CDU/CSU, die Liberalen usw. Dann brach der Wohlstand aus in Deutschland. Arbeiter mauserten sich zu Angestellten, Konservative fanden Gefallen an der Natur, Liberale entdeckten ihre soziale Ader und Ökopaxe freundeten sich mit Kriegen gegen Diktatoren an.

Die Welt wurde unübersichtlich. Rote schmückten sich mit teuren Anzügen, Grüne pafften Zigarren, Gelbe suchten Halt an Law and Order und Schwarze überließen das Denken Mutter Pragmatisch. Die Gesellschaft wurde bunt. Das Vertrauen in das Schwarz-Weiß-Denken der Adenauer-Zeit ging verloren. Deutschland schockte die Welt beim Sommermärchen 2006 mit Fröhlichkeit und 2014 mit der Willkommenskultur.

Orientierung für den überforderten Wähler schafft der Wahl-O-mat. Wer - arg verkürzt - will, dass Kinder gleiche Bildungschancen bekommen, die Umwelt nicht restlos ruiniert wird, Diplomatie Vorrang vor dem atomaren Erstschlag behält, die Werte und Rechte des Grundgesetzes sowie ein Europa der offenen Grenzen verteidigt werden, erhält folgende Übereinstimmung mit den Parteiprogrammen: Grüne 67,1 Prozent, CSU 64,5, Linke 63,9, Freie Wähler 63,2, SPD 60,5, FDP 56,6.

Qual der Wahl? Immerhin, zwei Ausreißer sind dabei: nach unten die AfD mit 36,8, an der Spitze die Titanic-"Partei" mit 72,4 Prozent. Offenbar übertrifft nur noch ein Satiremagazin die Volksparteien bei der Vereinbarkeit pluralistischer Positionen.

juergen.herda@oberpfalzmedien.de
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