Kommentar zur Türkei
Wie Erdogan eine historische Chance immer mehr zertrampelt

Wenn es nicht so traurig wäre, gäbe die Geschichte um den Schriftsteller Dogan Akhanli einen richtig spannenden Krimi ab. Finstere Schlapphüte, tobende Politiker und dazwischen ein armes Würstchen. Aber leider sind weder die Festnahme durch Interpol noch der lange Arm Erdogans Fiktion. Sie sind eine weitere Steigerung der Provokationen des türkischen Machthabers und lassen auch massive Zweifel an einer seriösen Arbeit der größten Polizeiorganisation der Welt zu.

Ob sich Interpol als willfähriger Handlager einer politischen Strafexpedition hat missbrauchen lassen, ist die eine Frage, die dringend geklärt werden muss. Nicht mehr diskutiert werden braucht dagegen über die Person Recep Tayyip Erdogan. Er hat sich ein weiteres Mal diskreditiert.

Erdogan hat schon lange die Grenzen des Hinnehmbaren überschritten - sein Verhalten ist beschämend, die Angriffe unverschämt. Er mischt sich in den Bundestagswahlkampf ein, er beschimpft Außenminister Sigmar Gabriel, er tritt Menschenrechte mit Füßen.

Die Türkei hat sich den Weg in die Europäische Union verbaut. Und so wie es aussieht, erntet Erdogan in seiner Heimat dafür auch noch großen Applaus. Statt als Mittler zwischen den Kulturen zu agieren, zertrampelt er eine historische Chance. Ein echter Visionär hätte beweisen können, wozu eine demokratische, weltoffene Republik mit einer Mehrheit islamisch gläubiger Menschen fähig ist. So aber bleibt die Türkei ein schönes Land - mit einem hässlichen politischen Antlitz.

frank.werner@oberpfalzmedien.de
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