06.09.2017 - 20:22 Uhr
Deutschland & Welt

Leserbrief "Erwarten wir den Heiland?"

Zur Berichterstattung über Karl-Theodor zu Guttenberg:

von Redaktion OnetzProfil

"Macht hoch die Tür', die Tor' macht weit", so schrieb Georg Weissel für den zweiten Advent 1623, eine Zeit, in der der Adel das Land regierte und die einfache Bevölkerung den Wohlstand nur bei den Adligen kannte. Und nun geschieht das für einen Adligen tatsächlich, nur nicht 1623 und nicht im Advent, sondern 2017 und im Wahlkampf. Dem zu Guttenberg öffnet man erneut Tür und Tor, um ihn willkommen zu heißen, zurück in der Politik des Freistaats und der Republik. Haben wir so schnell vergessen? Erwarten wir den Heiland?

Ich habe die Affäre Guttenberg schon noch so in Erinnerung, dass er nicht die Wahrheit gesagt habe in der Angelegenheit, ob er die Doktorarbeit ohne "abzukupfern" erstellt hat. Und hat es sich nicht auch herausgestellt, dass er bei der Erstellung der Doktorarbeit betrogen habe? Wenn dem so wäre, wie ich mich zu erinnern glaube, dann hat er doch gelogen und betrogen, oder? Sicherlich haben viele auch schon mal in ihrem Leben gelogen, und ich nehme mich dabei gar nicht aus. Aber wir waren in der Regel auch nicht Minister oder lassen uns frenetisch in Bierzelten und an sonstigen Orten feiern, treten in Talkshows (Anne Will) auf und leben letztlich auch von der Publicity, baden förmlich darin und genießen es.

Sicherlich nicht im juristischen Sinne, sehr wohl aber im übertragenen, möchte ich schon anmerken, dass sich nicht wenige Bundeswehr-Angehörige, zumindest aber ich mich von Herrn zu Guttenberg um die Einsatzfähigkeit und Existenz unserer Streitkräfte betrogen fühlen. Mit der nach meiner Einschätzung populistischen Entscheidung, natürlich mit Zustimmung der verfassungsrechtlichen Institutionen, die Wehrpflicht auszusetzen, hat er der Bundeswehr nicht nur nach meinem Dafürhalten das bedeutendste Instrument zur personellen Regeneration genommen und das Durchschnittsalter der Soldaten auf nahezu 40 Jahre ansteigen lassen, wo es zu einer Wehrpflichtzeit noch bei körperlich leistungsfähigeren Mitte 20 lag.

Er hat uns mit seiner Empathie "eingelullt", damit, dass er von Krieg sprach, als er vom Afghanistan-Einsatz redete. Er hat den Soldaten die Anerkennung ihrer Leistungen gegeben und eine Art Respekt gezollt, der die Gefährlichkeit des Einsatzes sicherlich korrekt wiedergab, aber er hat ihnen auf dem Höhepunkt seiner Beliebtheit auch den Nachwuchs genommen. Ohne, dass sie es gleich gemerkt haben, wurden den Streitkräften die Möglichkeiten zur Nachwuchsgewinnung abgeschnitten.

Das Gefühl, dass Herrn zu Guttenberg der Weg zurück ins politische Geschehen geebnet werden soll, und einflussreiche Personen in München sich das auch so wünschen, das werde ich im Moment nicht los. Ich hoffe, dass ich mich hier irre. Wünschen würde ich mir, dass er in den USA, wo er lebt, Karriere macht, erfolgreich ist und dort den Menschen mit seinen Kompetenzen ans Herz wächst. Ganz allgemein weiß man, dass Populisten dort nicht selten populär sind. Dass er aber zurückkehrt und hier in verantwortungsvolle Positionen getragen und befördert wird, das wünsche ich mir nicht.

Stephan Koller, 92260 Ammerthal

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