06.09.2017 - 20:22 Uhr
Deutschland & Welt

Leserbrief "Pauschalisierende und menschenverachtende Aussagen"

Reaktion auf einen Leserbrief, der das Interview thematisierte, das vier Youtube-Stars mit Bundeskanzlerin Angela Merkel geführt hatten:

von Redaktion OnetzProfil

Mit Erschrecken musste ich den Leserbrief "Geistiger Horizont endet bei Wimperntusche und Nagellack" lesen. Nicht nur, dass von einer Person mit vielen Jahren Berufserfahrung im Bildungssektor solch unreflektierte, pauschalisierende und menschenverachtende Aussagen getätigt werden. Auch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem kritisierten Interview fand offenbar nicht statt.

Statt die Kernaussage des Briefes, die zunehmende Ungerechtigkeit der Welt, zu bekräftigen, relativiert sich diese durch falsche Argumentation. Auf diese Kernthemen wird nämlich nicht eingegangen, sondern es wird den Fragestellern des Interviews angebliche Inkompetenz und Dummheit unterstellt. Tatsache ist, dass präzise Nachfragen für die Kanzlerin unangenehme Antworten provozierten und durchaus geforderte Themen zur Sprache kamen.

Leider können sich viele Menschen kein eigenes Bild zur Sache machen, da die etablierten Medien gerne pauschalisierend ihre "Konkurrenz aus dem Internet" diffamieren. Den Youtubern standen überzogene Erwartungen gegenüber, die in keiner Weise gerechtfertigt wurden. Auch professionelle Journalisten scheitern öfters an Interview-Profi Angela Merkel - siehe Sommer-Pressekonferenz am 29. August.

Dennoch ist niveauvolle und sachliche Kritik legitim. Als positives Beispiel möchte ich hier das Video "Merkel geht mit Youtubern auf Stimmenfang" vom Funk-gesponserten YouTube-Kanal "Walulis" anführen. Ab Minute 1:30 wird, mit Rückblick auf das von Florian "LeFloid" Mundt im Jahr 2015 geführte Interview mit der Kanzlerin, sachlich und mit stellenweise eingestreutem Sarkasmus auf die Problematik eingegangen.

Jedoch enthält auch der Leserbrief durchaus konstruktive Passagen, in denen Fragen an Merkel aufgelistet werden. Allerdings setzt bei dieser Menge an Diskussions-Potenzial ein weiteres Problem ein, nämlich das der Zeit. In nur einer Stunde mussten vier Youtuber inklusive Vor- und Nachbereitung ihre Fragerunde mit der Kanzlerin absolvieren. Dann zu erwarten, dass ein äußerst detailreiches und "knallhartes" Interview mit möglichst hoher Abdeckung des Themenspektrums geführt wird, ist sowohl auf menschlicher als auch auf logischer Ebene unverständlich und schlicht nicht machbar. Bewusst betone ich hier das Wort "Interview" und verwende nicht das mehr zu den Erwartungen passende "Kreuzverhör".

Peinlich finde ich die anfangs erwähnte Pauschalisierung, da der Schreiber des Leserbriefes von der Beauty-Lifestyle-Youtuberin Ischtar Isik auf alle vier Fragesteller schließt und damit auch Menschen, die mit Nagellack und Wimperntusche nichts am Hut haben, in höchstem Maße beleidigt.

Tobias Bauer, 95685 Erbendorf

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Nachrichten per WhatsApp