04.02.2018 - 21:20 Uhr
Deutschland & Welt

Leserbrief "Schäme mich zunehmend für mein Heimatland"

Zum Artikel "Tote und Verletzte nach Anschlag":

von Externer BeitragProfil

Beim Lesen der Zeitung bin ich bei diesem Artikel hängengeblieben, in dem wieder einmal über einen Anschlag im "sicheren" Afghanistan berichtet wird. Zugegeben, man stumpft ja langsam ab bei der Vielzahl der Horrormeldungen, die uns täglich präsentiert werden. Langsam ist es schon so weit, dass man die Zahl der Opfer registriert und daran die Schwere des Anschlags bemisst. Dann wird das Gelesene in die entsprechende "Schublade" abgelegt, vielleicht noch mit einem mitleidigen "Oh je" versehen.

Dass dem so ist, erklärt sich aus einem Schutzmechanismus des menschlichen Gehirns. Würde man all das Schreckliche, das um uns passiert, eingehend und mit der eigentlich erforderlichen Emotion wahrnehmen, wären wir wohl in kürzester Zeit depressiv. Und so kommt es, dass wir diese Dinge nur noch registrieren. Sie werden zu etwas Alltäglichem. Aber dann gibt es eben auch mal einen Zeitungsartikel, wie den oben genannten, der diesen Schutzmechanismus durchbricht.

Die Abschiebung des auf einem Auge erblindeten Reza (20), das ging tatsächlich mitten ins Herz. In welchem Land lebe ich eigentlich? Um es vorwegzunehmen: Ich finde es auch richtig, wenn Asylbewerber, die ihr Verhalten unseren Gesetzen nicht anpassen, abgeschoben werden.

Bisher hatte ich aber geglaubt, Deutschland sei ein demokratisches Land, das eine Gemeinschaft bildet, die von Zusammenhalt und einem "Für-den-Nächsten-da-sein" geprägt ist. Das jedenfalls behaupten die Kirchen sowie auch die christlich ausgerichteten Parteien. So steht es ja auch in unserem Grundgesetz.

Ist für die Staatsangestellten, die an der Entscheidung, Reza abzuschieben, mitgewirkt haben, dieser junge Mann kein Nächster? Wie weit reicht denn die christliche Nächstenliebe oder einfach nur die gebotene Menschlichkeit? Anscheinend nicht bis zu einem behinderten Flüchtling aus Afghanistan! Die Begründung, dass ihm seine Ausweispapiere fehlen und er deswegen abgeschoben wird, hat mir die Tränen in die Augen getrieben. Nicht nur aus Mitgefühl.

Es war schon ein gehöriges Maß an Wut dabei. Was müssen das für empathielose, harte Menschen sein, die, in dem Wissen um seine Erblindung durch einen Bombenangriff (sicher Trauma genug!) und dem Wissen, dass er in seiner Heimat niemanden, keine Verwandten und kein soziales Umfeld mehr hat, so einen Beschluss fassen?

Was steht da für eine Politik dahinter, was für eine Justiz? Die, die den Stempel auf das Papier drücken, tun ja nur das, was ihnen gesagt wird. Aber ich frage mich, wie all diese weisungsberechtigten Menschen eigentlich noch ruhig schlafen können?

Ehrlich gesagt, schäme ich mich zunehmend für mein Heimatland!

Claudia Außerbauer, 92245 Kümmersbruck

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